Diese Internetseite verwendet Cookies. Mit der weiteren Nutzung unserer Seite stimmen Sie dem zu. Details finden Sie in unseren Datenschutzhinweisen.

In einem Fünf-Liter-Topf kocht mein Kaffeewasser, derweilen ich alles in Ruhe zusammenpacke. Die Dusche war schön warm, der Gang über den Hof hat mich frisch werden lassen und die Entscheidung für Pudelmütze und Handschuhe erleichtert. Gestern habe ich schon gelernt, dass die Wäsche über Nacht nicht trocken wird. Ich trenne mich von den ersten beiden Wäscheklammern - sie dürfen hierbleiben -, putze den Raum und bringe den Schlüssel zum Briefkasten der Farmacia, verbunden mit einer Spende in der Höhe der teuersten Privatherberge auf dem Camino Francés. Ich habe mich wohlgefühlt, gut geschlafen, gut geduscht. Nur den galicischen Matratzenüberzug hätte ich in dieser Nacht als Luxus geschätzt. Mit einem doppelten Kaffee und zwei Äpfeln gestärkt, mache ich mich auf den Weg. Wann immer die Sonne durch die Bäume scheint, denke ich an meine Pilgerfreundin Nina aus Finnland. An einem Brunnen fällt mir mein Versprechen von gestern ein. Also Rucksack runter, Stöcke abgelegt und in der Wasserstelle des Brunnens drapiert und ein Foto gemacht. Beim Einsammeln stelle ich mich so ungeschickt an, dass die Stöcke auch noch untertauchen.

Ich erinnere mich, in Minsk ein Taufbecken für die Ganzkörpertaufe von Erwachsenen gesehen zu haben. So komme ich beim Weiterlaufen unweigerlich auf das Thema Unsterblichkeit. Gedanken, Erinnerungen sind unsterblich, jedenfalls für mich. Wenn die Erinnerung an jemanden unsterblich ist, ist dieser Mensch doch folgerichtig auch unsterblich. Für mich ist das heute ausreichend bewiesen. Ich brauche nicht mehr an die Unsterblichkeit zu glauben, ich weiß, dass es so ist, denn meine Beweise reichen mir aus, auch wenn sie nur im Hier und Jetzt gelten mögen.

Was ist für mich anders geworden? Früher hatte ich den missionarischen Gedanken, die Welt verbessern zu müssen, alles, was mir nicht gut erschien, zu sammeln, Zusammenhänge zu konstruieren und mit Ratschlägen und weisen Sprüchen um mich zu werfen. Heute stelle ich auch Zusammenhänge her, das Licht verbinde ich mit Nina, eine Kerze mit Kirstin... Stopp in einer Bar. - Der Barbesuch ist vorbei, ich denke weiter. Mal sehen, was in der nächsten Bar wichtig genug ist - für mich - um ins Büchlein zu wandern... Jede Brücke nenne ich „Ponte de Uwe", jede Restaurantsuche ist mit Ineke verknüpft. Schöne Erinnerungen sind wie ein Sonnenaufgang, also laut Kirstin erlaubt. Ich denke an Dietmar und das Zitat von Jiddu Krishnamurti, das er mir neulich per Mail geschickt hat: „Erinnerungen sind lediglich Erfahrungen, die nicht verstanden wurden. Tun sie das, beenden sie sich selbst." Noch brauche ich sie, die schönen Erinnerungen, die ich mir mit Namen und Personen menschlich gemacht habe. Sie geben mir Kraft.

Der Gedanke an die Unsterblichkeit kommt beim nächsten Friedhof wieder hoch. In Porto hatte ich auf der Suche nach einem Restaurant einen Stapel in Folie eingeschweißter Särge gesehen. Das erweckte doch den Eindruck von Endlichkeit. Wie ich darauf gekommen bin, eine Parallele zwischen den Särgen in Porto und diesem Friedhof zu sehen, kann ich mir nicht erklären. Der Begriff „Parallel" bleibt haften. Parallelen schneiden sich im Unendlichen, also gibt es das Unendliche.

Nun, mein gelbes Buches, meine Erinnerung an Ortsnamen und das reale Portugal finden einen Schnittpunkt im Endlichen: Ich bin an meinem Tagesziel angekommen. Für den zweiten Tag war diese Minietappe jedoch völlig richtig. Ich habe so große Themen bearbeitet, da brauche ich nicht auch noch weit zu laufen. Ich besichtige den Ort und stelle fest, dass ich auf das Öffnen der Herberge und des Ladens, in dem man alternativ den Schlüssel bekommen kann, noch warten darf. Also finde ich eine Bar und lasse es mir gut gehen. Gleich wird die dritte bis fünfte Postkarte in die Heimat geschrieben.

Ab zur Herberge, im Laden fünfzig Meter weiter bekomme ich den Schlüssel und auch die Erklärung für den zweifarbigen Stempel: Eine Schablone wird auf den Pilgerpass gedrückt und in die hinein hintereinander zwei Stempel, einfach und perfekt. Das Schwierigste sind die klemmenden Türen in den Herbergen, hier bekomme ich in deutlicher Zeichensprache einen Hinweis. So kräftig zu Werke zu gehen, hätte ich mich sonst nicht getraut. Von 32 Betten in vier Räumen suche ich mir eines in dem Raum aus, in dem ein Fenster einen Spalt weit hochgeschoben ist. In dem Herbergsbuch sehe ich dann, dass vorgestern auch jemand hier war. Eine schöne warme Dusche, Wäsche, einen Kaffee in der Küche und ich setze mich in den Hof in die noch etwas wärmende Januarsonne. Die Entscheidung, welches Buch ich lese, fällt klar zugunsten von „Peace is every step" von Thich Nhat Hanh aus.

Den gelben Führer kann ich immer noch lesen, damit ich erfahre, wo es morgen langgeht. Jetzt möchte ich erst einmal erfahren, wie es mit mir weitergeht. Michelle hat mir ihr Exemplar des Buches geschickt und der Dalai Lama verspricht im Vorwort: „It can change individual lifes and the life of our society." Beim Kaffeekochen, besser, beim Warten, bis der große Topf Wasser heiß wird, habe ich die Überlegung zugelassen, warum ich hier bin: Ich suche nach Erkenntnis. Sofort fällt mir ein, dass ich heute Morgen gleich zwei Äpfel gegessen habe. Werde ich nun aus dem Paradies geworfen? Nein, das geht nicht mehr, stelle ich beruhigt fest, ich bin ja schon rausgeflogen. Also beschließe ich, weiter Äpfel zu essen und weiter zu hoffen, das Paradies zu finden. Heute bin ich ihm schon ziemlich nahe.

Beim Abendrundgang durch den Ort erreicht mich Katharina auf dem Handy. Der Lagebericht fällt zufrieden aus, ich habe den Eindruck, dass sie sich keine Sorgen um mich macht. Ich entdecke zwei weitere Bars im Ort in einer Neubauzeile. Es gibt einen großen Kreisverkehr mit Denkmal und ich sehe zwei Pilger mit Rucksack herankommen. Die leicht asiatisch aussehenden Mädchen lassen sich im Dunkeln nicht ansprechen. Im Abstand von 500 Metern folge ich langsam. Sie gehen weiter zum Laden, ich mache derweilen in der Herberge das Licht an. Lee und Yu werden von einem jungen Mann vom Laden herübergebracht. Die Schlüsselhoheit soll ich behalten, sagt er und verschwindet. Auf meine Frage, ob wir essen gehen oder kochen, ist die Antwort der beiden für mich eindeutig: essen gehen. Dann verschwinden sie, nachdem sie eindeutig zu verstehen gegeben haben, dass sie die Führung zur Bar von mir erwarten. Also ziehe ich meine beiden Fleecejacken übereinander, gehe in den schönen Living Room und schreibe in mein Büchlein. Gleich danach werde ich mir den gelben Führer vornehmen.

Es ist schon etwas Besonderes, in einer Bar „Peace" zu lesen, in der Alemania mit Düsseldorf gleichgesetzt und die Bitte um eine Copa de vino tinto mit Glas und Flasche gekontert wird. Ich werde noch um ein Vaso de agua bitten und hoffe, dann auch eine Flasche zu bekommen. Die beiden Koreanerinnen haben sich dann doch in der Herberge nur ein kaltes Abendessen gegönnt.

Heute habe ich in der Herberge übersichtliche und einfach beschriebene Etappenpläne des Caminho Português gefunden und habe Fotos gemacht, denn es scheint mir, dass diese Höhenprofile und Fotos einfacher zu verstehen sind als die Angaben in meinem gelben Führer. Ich werde sie an meine Pilgerfreundin Trudy weitergeben, die diesen Weg im Mai gehen möchte. Die Frage nach dem Wasser ist auch geklärt: nix Vaso, in Portugal Copa und 1,5-Liter-Flasche. Das Menü ist eine doppelte Pilgerportion. Wenn ich richtig mitgezählt habe, bekomme ich gerade vom Wirt das siebente Schulterklopfen - ich fühle mich gemocht. Während des Essens ist Zeit für Gedanken. Auf diesem Camino wird mein Büchlein schneller voll, er ist kürzer, aber ich habe mehr Zeit für mich, weil kaum ein Pilger unterwegs ist. Das Büchlein für meine Notizen ist beim Packen zu Hause noch umgetauscht worden: Statt des geplanten Goldschnittbüchleins aus der gleichen Papierserie wie das erste aus Köln habe ich das Weihnachtsgeschenk meiner Schwester Hannelore eingepackt.

Beim Essen bin ich beim Thema „Angst" angekommen. Es kam im Laufe des Tages auf, als ich darüber grübelte, wer mich wie mit meiner Pudelmütze einschätzen könnte. Als Konsequenz dieses Gedankens habe ich in diversen Spiegeln Fotos gemacht.

Warum trage ich ein Spanischwörterbuch mit mir herum, während ich in Portugal bin und ein englisches Buch lese? „Dandelion" herauszufinden, ist eine neue Herausforderung:

„I have lost my smile, but don't worry. The dandelion has it."

My smile is still there, though I don't know the dandelion. Lijgien hätte jetzt kein Problem, in allen drei Sprachen und zwei Muttersprachen nicht. Nun, ein Problem lasse ich nicht zu. „Ich verschiebe diese Aufgabe auf später", ist eine zulässige Formulierung.
Gut, dass ich ein paar Seiten weiter wieder verstehe:

„Smiling, present moment, wonderful moment".

 

Bilder der Etappe Vilarinho → São Pedro de Rates

Donnerstag, den 7. Januar: Vilarinho → São Pedro de Rates

Hier der Start- und Endpunkt der Etappe am 7. Januar von Vilarinho, Refúgio Provisório Polidesportivo nach Rates, Albergue de Peregrinos de São Pedro de Rates

Joomla templates by a4joomla