Diese Internetseite verwendet Cookies. Mit der weiteren Nutzung unserer Seite stimmen Sie dem zu. Details finden Sie in unseren Datenschutzhinweisen.

Heute ist mir nach Trödeln zumute. Es sind nur 17,1 Kilometer bis Rubiães. Gestern habe ich Postkarten gekauft, mal sehen, wo ich Briefmarken auftreibe. Meinen mitgebrachten Stein will ich heute am Franzosenkreuz ablegen. Der Ort ist symbolisch genug und ich bin den Stein endlich würdevoll los. Ich habe das Gefühl, dass ich diesmal den Camino Francés nicht zurückgehen werde, wie ich es letztes Jahr bis Astorga getan habe und auch noch beim Start dieses Jahr bis León vorhatte. Vielleicht wird es Finisterre oder auch einfach nur Santiago. Ich werde mich, wie ursprünglich im Oktober geplant, vom Augenblick leiten lassen und merken, wann „zu Hause" dran ist.

Heute schlendere ich ganz gemütlich die Feld- und Waldwege entlang, umgehe lang gezogene Wegüberschwemmungen, lausche dem Rauschen eines Baches und den Vögeln und bin langsam genug, auch die Blumen am Wegesrand wahrzunehmen. In der Bar, in der ich letztes Jahr meine Regenhosengeschichte mit Michelle aus Pamplona zum Besten gegeben habe, ist ein anderer Wirt. Doch Kaffee und Orangensaft schmecken genauso gut. Heute hat sich die Sonne gezeigt, das ist angenehm für den bevorstehenden Aufstieg von 400 Höhenmetern. Ich freue mich, ein Ziel für meinen Lastenstein in vertrauter Umgebung gefunden zu haben. Zwei Lastensteine habe ich noch zu Hause liegen. Gut, dass ich sie nicht auch so weit tragen muss, sondern mir sicher bin, bald einen passenden Ort zum Abwerfen auch dieser Steine zu finden.

Um 11:30 Uhr ist eine winzige Kapelle offen, daneben auch der noch winzigere Supermarkt und eine verschlafene Bar. Doch ich bekomme alles, wonach mir ist: einen Augenblick der Besinnung, meinen Café solo und einen Orangensaft. Das Pilgerleben ist herrlich. Es geht gemütlich weiter durch Wald und Flur. Langsam rücken die Berge näher. Ich krieche im Schneckentempo den Bergweg entlang, hebe hier und da einen Stein auf und deponiere ihn auf einem der nächsten Wegmale, die hier schon von vielen Pilgern angehäuft wurden. Dann fällt mir mein Lastenstein ein. Warum will ich den denn eigentlich bis zum Franzosenkreuz schleppen? Am nächsten Steintürmchen mache ich halt und lege meinen Lastenstein andächtig ab. So mögen meine Lasten für immer an diesem namenlosen Ort bleiben und mich nicht weiter behelligen. Auch wenn der Stein nur ein paar Gramm wog, der Rucksack erscheint jetzt viele Kilo leichter. Am Franzosenkreuz mache ich kurz Pause und krieche dann langsam und stetig den mitunter recht steilen Bergsteig entlang. Beim Abstieg bin ich vorsichtig, denn einige Steine sind ziemlich glitschig. Meine Bergerfahrung kommt mir zugute. Schon kurz nach 14:30 Uhr erreiche ich die Herberge. Dann bin ich unterwegs doch schneller gewesen, als ich es wollte. Ich setze mich draußen vor der Herberge in die wärmende Februarsonne und genieße den Tag. Eine Stunde später ist mein Entschluss gefasst, noch einmal ca. zwei Kilometer zurückzugehen. Der deutliche Schimmelgeruch in der Herberge ist mir zu intensiv und ich habe auf den letzten Metern Hinweisschilder auf eine Pension gesehen. Warum braucht mein Verstand immer so lange, bis er meinen Bauch versteht. Ich hatte den Rucksack ungeöffnet abgestellt, die Wanderschuhe angelassen. Jetzt brauche ich also nur den Rucksack zu greifen. Für 15 Euro kann ich in der Pension schimmelfrei übernachten und bekomme auch noch ein Frühstück. Allerdings sind es jetzt drei Kilometer bis zum nächsten Restaurant. Ich schlage das Angebot der Wirtin, einen Fahrdienst zu organisieren, nicht aus, denn im Dunkeln die Landstraße entlangzulaufen, ist ein zu gefährliches Abenteuer.

Im Restaurant angekommen, plane ich den morgigen Tag: 15,3 Kilometer bis Valença und weitere vier bis Tui. Mit Andrea habe ich eine SMS ausgetauscht und das schon lange geplante Treffen für morgen Abend wegen der Herbergsöffnungszeiten von 21:00 Uhr auf 19:00 Uhr vorverlegt. Doch ich habe etwas von einer privaten Herberge gelesen, die erst um 23:00 Uhr schließt. Und vielleicht ist mir morgen wieder nach Hotel zumute? Ich befehle meinem Verstand, schneller und sorgsamer auf meine Bauchgefühle zu hören. Mal sehen, ob ich morgen die Muße habe, Andrea eine SMS zu schreiben. Das wäre dann schon No. 2 auf diesem Camino. Schön ist die Bestellung in diesem Restaurant. Meine drei Worte Portugiesisch sind mehr, als die Dame auf Englisch oder gar Deutsch kann. Eine Speisekarte gibt es auch nicht. Und so erzählt sie, ich picke heraus, was ich verstehe, und sie unterlegt jedes ihrer Worte mit erläuternden Gesten. Pilger haben eine Sonderstellung und werden zuvorkommend und mit viel Wohlwollen und Geduld behandelt. Fast möchte ich vermuten: Man ist stolz darauf, Pilger auf ihrem Weg nach Santiago zu unterstützen. Stolz präsentiere ich auch meine Lieblingsvokabel „obrigado" („danke"). Irgendwie scheint Freude in meiner Art zu liegen, dieses Wort auszusprechen, denn ich ernte fast immer ein freundliches Lächeln.

Das Franzosenkreuz auf der Etappe Ponte de Lima → Rubiães

Das Franzosenkreuz auf der Etappe Ponte de Lima → Rubiães

 

Hier der Start- und Endpunkt der Etappe am 10. Februar von Ponte de Lima, Albergue de Peregrinos über das Franzosenkreuz (Cruz dos Peregrinos, Cruz dos Mortos, Cruz dos Franceses) nach Rubiães

Joomla templates by a4joomla