Wieder geht mein Wecker im Handy heute schon um 7:15 Uhr, denn gestern habe ich mir eine Viertelstunde mehr Schlaf gegönnt und dafür die letzten fünf Minuten des Losgehens in völliger Finsternis erledigen müssen. Die Zeitschaltuhr der Herberge in Tui ging pünktlich und das Licht war, klatsch, 8:00 Uhr aus. Heute sitze ich fünf vor acht bereits in einer Bar und habe meinen Café solo und Organgensaft vor mir. Für einen Sonntagmorgen ist hier schon erstaunlich viel Betrieb. Die Wetterkarte im Fernsehen stimmt mit dem Wetter draußen überein: Regen. Ich lasse die Regenhose vorsichtshalber im Rucksack, vielleicht überzeugt das ja den Regen, nicht zu heftig zu werden. Diese Verabredung mit Petrus klappt nicht. Ich bin ordentlich nass, als ich um Viertel nach zehn in Arcade in eine rappelvolle Bar einschwenke. Gerade habe ich ein Schild gelesen: Redondela 5,5 Kilometer und Pontevedra 16 Kilometer. Ich ziehe den Führer zurate und der bleibt bei 17,3 Kilometern insgesamt. Bei dem Wetter reicht mir das auch für heute. Warum habe ich gestern bloß so viel Zeit verschwendet, mir die Kilometerangaben herauszusuchen? Nun, ich hatte die Zeit ja. Und es tut gut zu wissen, dass ich in drei Tagen in Santiago bin, heute nicht eingerechnet. Den großen Drang, den Camino Francés bis Astorga oder gar bis León zurückzugehen, verspüre ich diesmal nicht. Auch Fisterra reizt mich um diese Jahreszeit nicht – heute, das liegt wohl am Wetter – heute. Mal sehen, was mein Gefühl morgen sagt, mal sehen, was mein Gefühl in Santiago sagt. Habe ich es gut, ich muss nichts, noch nicht einmal mich an meine Pläne halten. Ich kann jeden Tag neu planen, jeden Tag neu geschehen lassen.

Doch jetzt geht es erst einmal in Regenhosen ein paar Stunden weiter. An einem Gestell mit Jakobsmuscheln kann sich jeder Pilger eine Muschel aussuchen und beschriften. Der Himmel hört auf, sein Nass auszuschütten, und ich komme bei der Kapelle Santa Marta an. Die Kapelle ist schlicht, genau so, wie ich Kirchen und Kapellen mag. Ich setze mich in eine Bank und lasse die Ruhe des Raumes auf mich einwirken. Ich blicke zurück auf die Tage ab Porto. Ich habe viel Ruhe auf diesem Camino in mir gespürt, habe fast immer im Augenblick gelebt und meine Umgebung auf mich wirken lassen, war nur selten abgelenkt von „großen" Gedanken. Für einen Rückblick ist es zu früh, doch ich kann jetzt schon sagen: Die Zeit bis jetzt hat mir gutgetan.

Um 14:00 Uhr bin ich an der Herberge, die erst um vier Uhr aufmacht. Also gehe ich in die Stadt, suche mir eine gute Bar (vor der Bar gegenüber der Herberge hatte Martina eindrücklich gewarnt). Ich bin versucht, doch noch weiterzugehen. Ich könnte einen Tag früher, dann abends in Santiago ankommen. Ich entscheide mich, doch hierzubleiben und einen ruhigen Städtetag einzulegen. Letztes Jahr waren hier zwei Kirchen geöffnet. Nach dem Einchecken in der Herberge und dem Pflichtprogramm werde ich sehen, ob sich das gute Gefühl, das ich auf dem Weg in einigen Kapellen hatte, hier noch einmal wiederholen möchte. Dass ich für mein Zwiegespräch mit meinem Gott das Gebäude Kirche nicht brauche, habe ich mir auf meinem Camino letztes Jahr erpilgert. Viele Kirchen sind für mich auf diesem Weg verschlossen gewesen. Viele habe ich als geschichtlich bedeutende Gebäude erlebt. Wenige nur haben das für mich ausgestrahlt, was ich in einer Kirche suche: schlichte, geschmackvolle Ruhe für das Auge und alle meine Sinne. Mein Gott ist ein schlichter Gott, er spricht zu mir durch den Händedruck eines Bauern hier am Weg, mit dem ich nur eine Sprache gemeinsam spreche, die Sprache des Herzens: „Auf nach Santiago!"

Lieber laufe ich acht Kilometer, als zwei Stunden zu warten. Die Musik in der Bar ist zwar gut, aber die Stille des Waldes wäre mir jetzt lieber. Also doch jetzt schon ein Rundgang durch die Stadt mit Rucksack? Ich lande nur in der nächsten Bar, die hat aber sanftere Musik. Dann geht's endlich zurück zur Herberge. Ich erfahre, dass die hier abends schon um 20:30 Uhr schließen, also gemütliches Abendessen ade. Ich lege meinen Rucksack trocken, trotz Plastiktüte ist mein Schlafsack etwas nass geworden. Dann wieder ein Anlauf in die Stadt. Ich bekomme den Weg erklärt und einen Stadtplan in die Hand gedrückt. Die drei wichtigsten Kirchen werden für mich markiert. Um 18:00 Uhr soll in der Basilika eine Messe sein. Auf dem viertelstündigen Weg in die Stadt erwischt mich ein Hagelgewitter. Die erste Kirche ist Santuario de la Virxe Peregrina. Die Jakobsmuschel ist in allen Ausprägungen überall vertreten, an den Bänken, an den Beichtstühlen, an der Tür. Die Klosterkirche San Francisco ist eine große Kirche mit vielen Seitenaltären und schönen Buntglasfenstern. Doch mir ist sie insgesamt zu dunkel. Die Basilika Santa Maria A Grande ist beeindruckend. Für mich waren, das merke ich jetzt, während ich in der Basilika der Musik einer CD lausche, die drei Kirchen nur kulturelles Pflichtprogramm. Zu Hause gefühlt habe ich mich heute in der kleinen Kapelle Santa Marta am Wegesrand.

Die Messe schenke ich mir heute. Ich werde pünktlich in Santiago zur Mittagsmesse sein. Zum Abendessen gibt es nur ein Bocadillo, denn die Restaurants machen erst auf, wenn ich schon längst in der Herberge sein muss. Die Option, selber zu kochen, schließe ich aus. Auch heute fällt der fast tägliche Anruf bei Katharina in der Heimat gut aus. Befindlichkeiten unserer Mütter, einiges von der gelben Post, Ärgerliches, aber nichts Unerwartetes. Es wird meine Ruhe auf dem Camino nicht stören: besser sogar – diese Art von Post wird mich nie mehr stören. Ich werde die Arbeit, die sie produziert, in aller Ruhe abarbeiten. Allein für diese Erkenntnis hat sich der Camino gelohnt. Spontan fallen mir die Abschiedsworte von Andrea in Tui ein: „Du hast meine Nummer, wenn etwas ist, ich bin in spätestens einer Stunde da." Der Camino hat mir viele Freunde geschenkt und auch dafür hat er sich gelohnt.

An meiner ganz individuellen Vorstellung von Gott, die in Worte zu fassen ich im letzten Jahr so intensiv probiert habe, hat dieser Weg nichts geändert. Es gab keinen Handlungsbedarf. Langsam wächst wieder ein Verständnis für das Gebäude Kirche, das mir so völlig abhanden gekommen war. Es hat viel mit Toleranz dafür zu tun, dass andere Menschen etwas anderes brauchen als ich. Der überdachte Vorplatz einer Kapelle hat mir in den letzten Tagen oft einen willkommenen Rastplatz geboten. Wenn ich in eine Kirche hineingegangen bin, fühlte ich mich oft mit nassem Rucksack, Regenschirm und dann noch das Tagebuch zückend fehlplatziert. Außer heute bei der Kapelle Santa Marta. Da saßen übrigens letztes Jahr Magda und Andrea auf den Steinbänken vor der Tür und unterhielten sich mit Bauern, als ich dort einlief. War es das? Bin ich deshalb den Camino Português dieses Jahr noch einmal gegangen? Für diesen Augenblick? Und wenn es nur dafür gewesen sein sollte, der Augenblick war es wert.

Mein Stift aus Tui tut es nicht mehr und so bitte ich die drei Spanier, die die Herberge betreuen, um einen Stift. Diese Herberge wird von Freiwilligen geführt und ich bekomme gleich zwei Stifte, einen davon geschenkt. „¡muchas gracias!"

An sich wollte ich von einem Abschnitt aus dem „Peace"-Büchlein schreiben. Immer noch bin ich beim Abschnitt „Ärger". Der Abschnitt heute passt zu meinem Umgang mit meiner Post daheim.

Hier der Start- und Endpunkt der Etappe am 13. Februar von Redondela, Albergue de Peregrinos Casa da Torre de Redondela nach Pontevedra, Albergue de Pontevedra La Virgen Peregrina

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