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Wieder geht der Wecker um 7:15 Uhr. Den Rucksack in Ruhe zu packen, ist mir wichtig. Dann kommt wieder das aufregende Zuziehen der Herbergstür hinter mir, denn erstens merke ich erst heute Abend, wenn ich etwas vergessen habe, und zweitens würde ich auch erst um 16:00 Uhr wieder in die Herberge kommen. Bis zur Stadt und dem damit verbundenen Frühstück ist es nur eine Viertelstunde. Es ist mir wichtig, unter Menschen zu sein. Große Teile meines Kaffeepulvers werde ich also wieder mit nach Hause bringen. Diese paar Gramm haben mir auf der ganzen Pilgerfahrt immer die Freiheit gegeben, mir in einer Herberge einen Kaffee selber zu brauen. Das war das Gewicht wert. Ich rechne: Jetzt bin ich bei Kilometer 65 vor Santiago, bis Caldas de Reis sind es 23 Kilometer. Ich werde also bei Kilometer 42 dort ankommen. Seit Tui stehen Kilometersteine mit Muschel am Wegesrand. Wenn von den Souvenirjägern nicht mitgenommen, ist die Entfernung bis Santiago auf einem Metallschild angegeben. In diesen Tagen schätze ich die Information, wie weit es noch ist. Der Weg ist am Vormittag ausgesprochen schön. Habe ich gestern noch die Kilometerangaben auf den Meilensteinen geliebt, so fange ich heute an, sie zu verfluchen. Denn es geht einfach nicht voran. Um fünf vor elf ist eine Bar zur Stelle und ich mache eine kurze Pause. Ich bin froh, gleich wieder an der frischen Luft zu sein. Bisher hat es nur wenig geregnet, doch es ist recht kalt. In Pontevedra habe ich bei einer Farmacia vier Grad auf dem Thermometer abgelesen. Eine gefühlte Stunde später kommt der Hinweis auf eine Tapas-Bar. Der Fernseher tut mir den Gefallen, nicht anzugehen, und so mache ich in wohltuender Ruhe eine ausgiebige Pause. Einen schönen Stempel mit Jakobsmuschel bekomme ich hier auch noch als Andenken in meinen Pilgerpass. Achtzehn Felder sind noch frei. Es ist ja auch nur eine kurze Pilgerfahrt ab Porto.

Der Nachmittag könnte den Titel „Spanien unterm Regenschirm" bekommen. Eingeschränkte Sicht, den Blick nur für den Weg, Pfützen wollen umgangen werden. An jeder Wegmündung Orientierung nach den Zeichen, denn der Regenschirm verdeckt auch die Übersicht über die gelben Pfeile. Gefühlt bin ich schon dreimal in Caldas de Reis angekommen, die Meilensteine bringen mich immer wieder zurück in die Realität: „Noch lange nicht angekommen, lauf weiter!" In Caldas de Reis freue ich mich über die offene Kirchentür, doch die Innentüren sind verschlossen, nur den Turm darf ich besichtigen – schade. Bei den Bars habe ich die Qual der Wahl. Mein Jetzt wird auch wieder geeicht: Viertel vor drei. Meine gefühlte ausgesprochene Langsamkeit war gar keine, ich liege voll in meinem Pilgertempo. Von meinem Tisch in der Bar habe ich einen guten Blick auf die Post, eben war sie noch geschlossen. Sollten die schon lange geschriebenen Postkarten doch noch auf den Weg kommen? Die Bedienung holt ihr ganzes Schulenglisch heraus. Eine Runde Herren kommt herein und einer unterhält sich ein paar Takte mit mir in Englisch. Aus reinem Vergnügen sprechen die fünf Spanier, mit englischen Brocken unterlegt, weiter. Das tut mir gut, nachdem ich den ganzen Nachmittag nur den Scheuklappenblick auf den Weg hatte. Doch eins war auch heute Nachmittag einfach nur gut. An keinem meiner Gedanken habe ich mich festgebissen. Sie kamen und flossen durch. Viel rein Privates, das nicht im Büchlein landet, war auch wieder dabei. Es tut gut, die viele Zeit auf dem Weg zu haben, es tut gut, Gedanken fließen lassen zu können ohne Ziel, ohne Ergebnisanspruch. Nur ein Ziel ist klar: Santiago. Und der Weg ist so einfach: immer den gelben Pfeilen nach.

In der Bar bekomme ich den Weg zum Hotel „Lotus" beschrieben, eben bin ich, ohne es zu merken, schon daran vorbeigelaufen. Nach dem Pflichtprogramm kommt der Rundgang durch die Stadt. Jetzt ist die Kirche offen, also setze ich mich in eine Bank und lasse den Raum auf mich einwirken. Bei der Wahl der nächsten Bar lasse ich mir Zeit und finde schließlich, was ich gesucht habe. Eine Bäckerei mit ein paar Tischen, das sind immer die besten Pausenplätze für mich. Ich studiere noch einmal den Führer, denn ich will morgen auf Sebastians Rat hin den Abstecher zum Santiaguiño do Monte in Padrón nicht verpassen. Hier soll der Apostel Jakobus seine erste Predigt auf spanischem Boden gehalten haben. Nach dem Studium des Führers ist wieder ein Abschnitt im „Peace"-Büchlein dran, ohne Lesebrille liest es sich besonders intensiv.

Eine erneute Stippvisite in der Kirche, ich habe auf eine Abendmesse gehofft. Einige Gläubige sitzen still in der mittlerweile dunklen Kirche. Wieder draußen, nehme ich jetzt auch die Thermalquelle wahr. Ich bin schon oft an ihr vorbeigegangen, habe sie bisher nur als ganz normalen Brunnen gesehen. Ich werde diesen Brunnen nicht mehr vergessen, denn auf den rutschigen Stufen verliere ich den Halt. Gott sei Dank habe ich mir bei meinem Sturz nichts getan.

Beim Anruf von zu Hause schwappt fast etwas die Unruhe des Alltags zu mir herüber. Doch Katharina beruhigt, sie wird alles regeln und ich soll meinen Camino weiterhin genießen. Das lasse ich mir nicht zweimal sagen und genieße ein gutes und pilgergerechtes Menü mit Vino tinto aus der Region. Vor allem schaffe ich etwas – für mich – ganz Neues: Ich bewege den Ober dazu, den Fernseher auszuschalten.

Hier der Start- und Endpunkt der Etappe am 14. Februar von Pontevedra, Albergue de Pontevedra La Virgen Peregrina nach Caldas de Reis, Hotel Lotus

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