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Um 8:30 Uhr habe ich den ersten Marsch durch den Regen zu der Bäckerei von gestern hinter mir. Frisch gepresster Orangensaft, Café solo und ein Croissant machen meinen Pilgermorgen perfekt. Auch heute Vormittag ist wieder Spanien bei Regen angesagt. Langsam lerne ich, den Schirm auch mal beiseite zu nehmen und einen Blick für die schöne Landschaft zu haben, durch die es heute geht. Mehrere Hinweisschilder auf eine Bar lassen mich hoffen, doch als ich dort ankomme, ist die Bar geschlossen. Die kurz danach rechter Hand auftauchende Kirche ist auch zu. Nun, die nächste offene Kirche und die nächste offene Bar kommen bestimmt. Das Wettrennen gewinnt die Bar, kurz vor elf stehen Kaffee und Orangensaft vor mir. Dann geht es frisch gestärkt weiter. Ich schlendere gerade auf einer kleinen Landstraße durch einen Wald, da hält ein Jeep der Guardia Civil. Der Fahrer fragt nach meinem Credencial (Pilgerpass), also Rucksack ab und Pilgerpass hervorgekramt. Er will auch noch wissen, woher ich komme und wohin ich heute will. Ich habe den Eindruck, die Gemeinde Valga macht eine Statistik, vielleicht wird überlegt, hier eine neue Pilgerherberge einzurichten. Auf jeden Fall bekomme ich einen schönen Stempel in meinen Pilgerpass. Bald taucht linker Hand eine Kirche auf – geschlossen – , dafür ist bald eine Bar rechter Hand geöffnet. Weiter geht es durch die schöne Landschaft, immer auf und ab. Der Regen macht auch kleine Pausen und ist nie so stark, dass ich die Entscheidung, keine Regenhose angezogen zu haben, bereuen würde. Um kurz vor zwei komme ich in Padrón an und steuere zielsicher eine angenehme Bar an. Ich lerne, alkoholfreies Bier auf Spanisch zu bestellen. Danach ist mir so, als ob das jetzt besser für meinen Flüssigkeitshaushalt war als ein Café solo.

Zwischendurch kam heute wie im letzten Jahr der Gedanke auf, direkt bis Santiago durchzugehen. Das kann ich immer noch in Teo entscheiden, darum brauche ich mir jetzt noch keine Gedanken zu machen. Grob überdenke ich noch einmal die Planung für den Rest des Tages: eine Stunde für den Abstecher zum Monte und 10,4 Kilometer, das sind zweieinhalb Stunden, bis nach Teo. Also werde ich in meinem Schlenderschritt mit vielen Pausen gegen sechs Uhr da sein. Das ist ein guter Plan.

Die 114 teilweise glitschigen Treppenstufen hoch zum Monte schaffe ich ohne Pause, werde also nach der Legende später „in den vollen Genuss der Gnade kommen". So jedenfalls verspricht es mein gelber Führer. Unterhalb des Kreuzes mit der Statue gibt es Dutzende von steinernen Picknicktischen und Bänken. Der Ort scheint ein beliebtes Ausflugsziel zu sein. Ich bin heute allein hier und genieße die Ruhe. In der Herberge lasse ich mir meinen Pilgerpass abstempeln, denn auf den letzten hundert Kilometern soll man ja mindestens zwei Stempel pro Tag nachweisen. Und ich möchte nicht nur die Stempel der Bars am Weg sammeln. Ich überlege, ob ich die Compostela überhaupt abholen werde. Brauche ich eine dritte Compostela an der Wand? - Nein, die brauche ich nicht, denn ich weiß, dass ich da war – ich bin mir sicher, morgen dort anzukommen. Doch es ist eine schöne Erinnerung in meinem Flur. Immer, wenn ich meine Wohnung verlasse oder nach Hause komme, gibt mir der Blick auf diese Urkunden ein Stückchen Caminopower. Außerdem freue ich mich jetzt schon darauf, mit meiner Compostela bei Conny im Lädchen aufzutauchen und um eine professionelle Einrahmung meines Caminos zu bitten. Erst dann ist er abgeschlossen. Ein paar Riten gestatte ich mir auch, ich werde sie mir morgen wohl abholen.

Um kurz nach vier taucht ein Hinweisschild auf eine Bar fünfzig Meter abseits vom Weg auf. Nach meiner Erinnerung ist das die letzte Bar vor Teo, also schwenke ich ein und entrinne für kurze Zeit dem Regen.

Zwischendurch sind die Entfernungsangaben bis Santiago verwirrend. Ein Schild verspricht 16 Kilometer, an der Nationalstraße sind es für Autos 17 Kilometer, der nächste Meilenstein entspricht der Realität: 23 Kilometer. Der Weg für uns Fußgänger führt durch jeden Hinterhof und ist mindestens zwanzig Prozent länger als die Straßenverbindung. Doch was macht das heute mit mir? Bei 16 Kilometern sagt mein Bauch: „Das schaffst Du heute noch", und ich plane den Abend, das Hotel, einfach alles. Bei der Angabe „23 Kilometer" bin ich wieder auf dem Boden der Realität. Stopp in Teo und entspannter Einmarsch morgen zur Mittagsmesse in Santiago. Dann habe ich Glück, es gibt einen leichten Hagelschauer, aber eine offene Kirche ist in Sicht. Ich dränge mich im Turm unter die Gläubigen, denn die Messe hat gerade begonnen. Ich verweile, die Rituale sind mir vertraut. Auch wenn ich kein Wort verstehe, erschließt sich mir doch die gute Nachricht. Danach geht es noch etwas über eine Stunde bis nach Teo, wo ich um halb sieben einlaufe. Ich bin wieder der einzige Pilger. Die Herberge ist modern und sauber, so wie ich sie in Erinnerung habe. Nach dem Pflichtprogramm braue ich mir einen Kaffee, bevor ich mich um das Abendessen kümmere. Ich bekomme den Schlüssel der Herberge, also bin ich zeitlich frei. Das schicke Restaurant, das ich vom letzten Jahr in Erinnerung habe, hat leider geschlossen. Doch eine Bar bietet auch ein Pilgermenü an. Also wird das Schlemmen auf morgen verschoben. Die Frage „Was hat dieser Camino mir gegeben?" brennt unter der Stirn. Mein Bauch antwortet schlicht: „Viel." Mein Verstand ist damit nicht zufrieden. „Ich habe das Hier und Jetzt gefunden", formuliert er. „O.k.", sagt der Bauch, „das auch." Der Verstand legt nach: „Ich habe Gott getroffen." Wieder nur ein „O.k., das auch." vom Bauch. Während ich esse und daher nicht mitschreiben kann, unterhalten sich die beiden munter weiter. Das letzte Wort hat der Bauch: „Sag ich doch – viel." Kein Wunder, schließlich hat der Bauch mich auf den Camino geschickt. Und ich hoffe, er wird nicht müde, mich immer wieder loszuschicken. „Weil es mir gut tut", schiebt der Verstand nach, er will doch immer das letzte Wort haben.

Hier der Start- und Endpunkt der Etappe am 15. Februar von Caldas de Reis, Hotel Lotus nach Teo, Albergue de Peregrinos de Teo

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