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Wir sind nur zu dritt in dem Zwölf-Personen-Schlafsaal und es ist entsprechend ru­hig. Aber Punkt 7:00 Uhr klingelt ein Wecker und so ist auch für mich die Nacht vorbei. Ich bin zu faul zum Packen und gehe erst ein­mal nach unten, um mir einen Kaffee zu kochen. Das Wasser braucht ewig, bis es kocht, und so ist der Rucksack doch noch vor dem Frühstück gepackt. Marco hat die Reste des Brotes in zwei Pfannen auf­gebacken. Wie auch ges­tern Nach­mittag schon, fin­det mein Kaffeepulver großen Anklang bei meinen Mitpilgern. Nach dem Früh­stück brechen alle hurtig auf. Santiago zieht. Einige wollen schon heute noch weiter in Richtung Fisterra gehen oder fahren. Die Damen verab­schieden sich mit Umarmung, denn wir wer­den uns wohl nicht mehr wiederse­hen. Dann mache auch ich mich auf die letzten dreizehn Kilometer.

Kurz vor Santiago, in einer zu einem Kulturzentrum gehörenden Ca­feteria, treffe ich Lena, Eva, Wolfgang und zwei Spanier wieder. Sie sind gerade im Aufbruch. Eine zweite Verabschiedung für immer. Es ist jetzt kurz vor 10:00 Uhr und es sind nur noch sechs Kilometer bis Santiago. Heute kann ich also die Composte­la in aller Ruhe vor der Messe ab­holen. Beim Einmarsch nach Santiago schaffe ich es, die gelben Pfeile zu ver­lieren. Ich frage mich stattdes­sen durch. Im Pil­gerbüro stehen dann Lena, Eva und Wolfgang vor mir an den Schaltern. Eine Schlange gibt es, Gott sei Dank, nicht. Ein weiteres Mal verab­schieden wir uns – ein drittes Mal für immer. Ich gehe zur Messe. So recht kann ich sie heute nicht ge­nießen. Ich habe wohl noch zu viel Kribbeln in den Beiden. Die Messe wird von drei Priestern zelebriert und die Nonne singt sehr schön, wie jedes Jahr.

Ich finde das Hotel vom letzten Jahr wieder. Danach lasse ich mich durch die Stadt treiben. Ich begegne dem deutschen Ehepaar. Da es Zeit fürs Mittages­sen ist, suchen wir gemeinsam ein Restaurant. Nun ist auch der Zeit­punkt für den Namensaustausch gekommen: Angela und Siegfried. Nach einem Besuch im Touristenbüro bin ich bestens für den Camino Santiago → Fisterra → Muxía gerüstet. Sogar auf Deutsch ist die Broschüre verfügbar. Auf der Plaza vor der Kathedrale treffe ich die vier Schweizer Damen, die ich zum ersten Mal in der Herberge in Redondela gesehen hatte und die am Nachbartisch beim Abendes­sen in Caldas de Reis saßen. Außer ein paar kurzen Sätzen sind wir nie ins Ge­spräch gekommen. So auch heute hier vor der Kathedrale nicht.

Ich setze mich in ein Straßencafé und überlege, was dieser Camino mir bisher gegeben hat: Ruhe. Ich war und bin ganz oft im Augenblick. Mich quälen keine „großen Gedanken“ mehr. Die Welt verbessern muss ich nicht mehr. Und so kann ich mit viel Frieden den nächsten Ab­schnitt im „Peace“-Büchlein lesen. Es geht um das Gefühl des Alleinseins. Auf diesem Camino war es für mich wunderbar ausgewogen, dass ich einige sehr nette Pilger getroffen habe, aber auch genug Zeit für mich allei­n hatte. Oder sollte ich sagen: mir Zeit für mich genommen habe, denn ich habe mir ja oft mein Einzelzimmer gegönnt statt in der Herberge bei den anderen Pilgern zu übernachten.

Um 18:00 Uhr bin ich wie­der in der Kathedrale, set­ze mich in eine Bank und lasse sie eine Stunde lang auf mich einwirken. Das habe ich von Marlene gelernt. Sie sagte einmal zu mir: „Ich setze mich oft in einer Kirche in eine Bank und überlege, wer hier alles schon gesessen haben mag und was sich die Leute gedacht haben, die diese Kirche erbaut haben“.

Um 19:00 Uhr beginnt in einer kleinen Kapelle die Messe. Noch eine brauche ich heu­te nicht. Ich werde Oster­sonntag wieder hier sein.

Vor der Kathedrale steht eine Bahn für Stadtrund­fahrten. Ich erinnere mich, dass Susanne aus einem Internet-Pilgerforum emp­fohlen hat, so eine Stadt­rundfahrt mitzumachen. Also steige ich ein und kann die Stadt an mir vor­beiziehen lassen.

Als wir wieder auf dem Platz vor der Kathedrale ankommen, sieht Marco mich in der Bahn und lacht schallend. Wir holen noch Sebastian ab und gehen zusammen zum Abendessen. Die bei­den sprechen wenig Eng­lisch und so lerne ich etwas Portugiesisch. Wir wollen alle drei morgen in Rich­tung Fisterra. Marco bietet an, morgen wieder zu kochen. Er ist der Schnells­te von uns. Sebastian und ich werden ihm langsam folgen. Marco ist den Ca­mino Francés dreimal und den Caminho Português viermal gegangen. Sebasti­an ist, so wie ich, zum vierten Mal in Santiago.

Katharina hat mir heute am Telefon von Tobias` Beerdigung erzählt, als ich in der Bahn bei der Stadtrundfahrt saß. Habe ich deshalb so gedankenverloren eine Stunde in der Kathedrale gesessen?

Nachdem ich mich von Marco und Sebastian getrennt habe, mache ich noch einen unfreiwilligen Stadtrundgang. Ich habe mich in der Richtung geirrt. Dafür treffe ich die beiden Spanier aus Sevilla, die gestern in Teo mit an der Abend­tafel saßen. Santiago ist wohl auch ein Dorf.

Das Hauptthema auf diesem Camino neben dem Grundthema „zur Ruhe kom­men“ war der Tod, bedingt durch Tobias` Tod. Als ich unterwegs davon sprach, erzählte Lena kurz von den beiden Sterbebegleitungen, die sie gemacht hat. Doch das Leben hatte Platz neben dem Tod.

Meinem Ziel, Sprachen zu lernen, bin ich einen winzigen Schritt nähergekom­men. Ich habe Lena beobachtet, die einfach in die spanischen Vo­kabeln deut­sche Worte mischt. Sie ist verstanden worden. Ich werde seltener auf Englisch ausweichen. Nur so kann ich Spanisch lernen. Vielleicht folge ich Lenas Empfehlung, so wie Wolfgang einen Monat nach Kuba zu fahren, an einen Ort, wo man weder Deutsch noch Englisch spricht. Ein neuer Virus der guten Sorte, der in mir wächst.

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