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Die Nacht ist leider wieder sehr unruhig. Gefühlt halb Spanien geht auch heute Nacht, sich laut unterhaltend, un­ter meinem Fenster vorbei. Es ist kälter geworden. Ein Thermometer zeigt um kurz vor 8:00 Uhr sechs Grad an. Schon fast aus der Stadt hinaus, finde ich die erste geöffnete Bar. Die Lebensgeister sind ge­weckt. Dann lasse ich mich langsam auf dem Weg treiben. Die Gedanken schweifen um ganz persönliche Dinge. Was für Ziele habe ich noch? Brauche ich Ziele? Ich brauche Aufgaben, die mich ausfüllen, fordern, aber nicht über­fordern. Wie finde ich das rechte Maß? Der Camino ist sicher ein wichtiger Baustein es heraus zu finden. Ist er nicht auch eine Flucht? Die Flucht aus dem Alltag? Mir tut er auf jeden Fall gut, weil ich die Muße habe über Dinge nachzudenken, die ich sonst einfach beiseite schiebe. Die aber unterschwellig immer weiter gären. Ablenkung gibt es im Alltag genug. Im Beiseiteschieben satt verarbeiten bin ich Meister. Auf dem Camino sind für mich die Momente am erstrebenswertesten, in denen mein Kopf gänzlich leer ist. Da wird das riesige Problem zur nichtigen Kleinigkeit.

Es taucht wieder an einem Feldweg der Bahnübergang auf, der eine Freude für je­den Schilderhersteller sein muss. Hier auf dieser schmalen Sandpiste kann man gar nicht überholen und trotz­dem verbietet das ein Schild. Auch kann man hier garantiert nicht mehr als fünfzig Stunden­kilometer schnell fahren. Auch das verbietet ein Schild. Das dritte Jahr in Folge kann ich mich über diesen spanischen Schildbürger­streich einfach nur freuen. Ich hatte im­mer gedacht, nur wir Deut­schen sind so.

Um 11:30 Uhr schwenke ich in eine Tapasbar ein. Ich habe sie vom letzten Jahr in guter Erinnerung. Heute kann ich draußen in der Sonne sitzen und ein paar Worte mit dem irischen Ehepaar am Nachbartisch wechseln. Den Rucksack erleichtere ich auch noch um ein paar Kekse und die Nektarinen aus O Porriño. Nur knapp fünfzig Kilometer weit habe ich sie bis hierher getragen. Ein ganz lieber Hund be­schnuppert meinen Ruck­sack. Dann stellt er sich neben mich und blickt mich etwas bettelnd an. Es fällt mir leicht hart zu bleiben, denn ich habe nichts mehr im Picknickbeutel. Enttäuscht legt er sich un­ter meinen Tisch. Meine seit der Kindheit tief verwurzelte Angst vor Hunden spüre ich heute nicht. Warum auch sollte ich Angst vor diesem netten Hund haben?

Kurz nach Briallos treffe ich das deutsche Ehepaar. Die Pause kommt mir gele­gen und ich genieße alle meine Kekse und all mein Wasser. Es sind ja nur noch vier Kilometer bis Caldas de Reis. Als ich über die Brücke am Ortseingang von Caldas de Reis gehe, winkt mir ein Spanier aus einer zentral gelegenen Bar zu, den ich schon aus Tui kenne. Gerne mache ich auch hier eine Pause. Bald läuft Wolfgang ein. Die beiden ziehen zur Herberge und ich zum Hotel „Lotus“, denn über die Herberge habe ich von Martina, einer Pilgerfreundin vom Camino Francés, nichts Gutes gehört und letztes Jahr war ich im „Lotus“ gut aufgehoben. Ein Zimmer und Bad für mich alleine sind mir die 20 Euro Mehrpreis wert. Das Risiko, dass ich den Kontakt zu den ande­ren Pilgern verliere, gehe ich ein. Auch lerne ich so niemanden Neuen mehr kennen. Doch mein Bedarf an neuen Bekanntschaften auf diesem Camino ist gedeckt.

Nach der Dusche im Hotel halte ich die Füße unter die heiße Quelle. Ein paar Treppen geht es hinab zu einem Steinbecken. Aus zwei Wasserspendern strömt das warme Quellwasser. Die Füße und Hände dort hineinzuhalten tut gut! Ein Spanier kommt mit seinem Auto angebraust und füllt sechs große Kanister mit dem Quellwasser. Es soll Heilwirkung haben, verrät er. Die Information welche genau, scheitert an meinem mangelhaften spanischen Wortschatz. Zum Abendessen treffen wir uns an der alten Römer­brücke. Die Spanier haben erkundet, wo die beste Tapas-Bar im Ort ist. Wolfgang bestellt wieder das, wo­von er nicht weiß, was es ist. Heute ist das ein, in der ei­genen Tinte zube­reiteter, Tinten­fisch. Das ist ein­deutig nicht der Renner bei uns.

Als der Brotkorb zum Bezahlen herumgegangen ist, haben wir etliche Euro zu viel. Also fällt das Trinkgeld für den Ober sehr großzügig aus. Ich erhalte als Ältester die restlichen zehn Euro, die nach allgemeiner Meinung zu viel Trinkgeld sind, zur Verwah­rung. Die Damen halten ihre Füße noch einmal ausgiebig in die heiße Quelle. Ich beschreibe ihnen den Weg zur Bar, wo wir Männer die zehn Euro auf den Kopf hau­en wollen: „Direkt vor der Römerbrücke rechts rein, dann die zweite Bar rechts.“ Als die Damen eintreffen schimpfen sie lautstark: „Hermann, das ist die dritte Bar, wir waren in der zweiten und da war auffällig viel rotes Licht“. Ich erkläre, dass ich als treuer Ehemann dieses Etablissement selbstredend nicht mitgezählt hätte. Wir versöhnen uns lachend wieder.

Der Spanier von der Brücke heute Nachmittag ist mit von der Par­tie. Er heißt Marco, wie ich am nächsten Tag erfah­re. Ich kenne ihn zwar seit dem Abendessen in Tui, doch Namen sind uninter­essant auf dem Camino. Nur weil er Spanisch mit mir redet, habe ich vermutet, dass er Spanier ist. Ein paar Tage später erfahre ich, dass er aus Brasilien stammt und in Lissabon lebt.

Marco fällt auf, dass es eine Minute vor 22:00 Uhr ist und die Herberge schon so gut wie zu ist. Die vier rennen los. Ich habe ja die Kasse und zahle in aller Ruhe. Alle vier fragen im Laufe des nächsten Tages, ob es für die Zeche gereicht hat. Ich kann sie beruhigen. Es hat kein Loch in mein Pilgerbudget gerissen.

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