In den 15 Euro für die Übernachtung ist auch ein Frühstück enthalten. Meine Lebensgeister sind morgens um 7:30 Uhr schon geweckt. Ich packe in Ruhe meine Sachen, schenke meinen Füßen Achtsamkeit und es geht los. Auf der Terrasse der Bar „Castro“ er­gibt sich ein kleines Pil­gertreffen. Ich kann ein paar Sätze Deutsch an zwei Pil­gerinnen aus Deutschland und Öster­reich loswerden. Italien und Irland sind auch ver­treten. Alle Pilger hier haben in der Herberge in Rubiães übernachtet, die ich gemieden habe, weil ich Erinnerungen an Schimmel dort hatte. Doch mir wird versichert, dass sie keinen Schimmel bemerkt hätten. Dann macht sich jeder wieder auf seinen Weg. In Valença ma­che ich einen Rundgang durch die Stadt, verweile länger in zwei Kirchen. Ruhe für einen Kaffee, ein Wasser oder gar einen kleinen Mittagsimbiss habe ich nicht. Ich mache mich bald wieder auf, aus der Stadt hinaus.

An der in­ternationalen Brücke über den Grenzfluss Rio Miño wird gebaut. Bis zur Herberge in Tui ist es ja nicht mehr weit. Diesmal probiere ich die neue pri­vate Herberge aus. Ich bin der erste Pilger heute. Nach der Du­sche und dem Pflichtprogramm ma­che ich mich auf ins Café „Museu“ und schreibe in mein Tagebüchlein. Dann läuft wie ein Film das Treffen mit Andrea letztes Jahr hier in Tui ab. Wir hatten uns auf unserem Camino vor zwei Jahren getroffen und letztes Jahr hier verabredet und vorzüglich zusammen gespeißt. Sie arbeitet jetzt in Madrid, also zu weit weg für ein weiteres Treffen.

Gleich kommt auch der nächste Ab­schnitt im „Peace“-Büchlein dran. Thích Nhất Hạnh erläutert seine Gedanken zu einem Raum der Stille, den jedes Haus haben sollte. Ein Rückzugsort für Kinder und Erwachsene, immer wenn ihnen unsere laute Welt oder auch nur das Schipfen eines anderen Familienmitgliedes zu viel wird.

Dann rechne ich nach, ob ich es dieses Mal zu Fuß nach Fisterra schaffen kann – am 29.3.: Redondela (31 km), 30.3.: Pon­tevedra (18 km), 31.3.: Caldas de Reis (22 km), 1.4.: Padrón oder Teo (19 km oder 30 km), 2.4.: Santiago (24 km oder 13 km), 3.4.: Negreira (22 km), 4.4.: Olvei­roa (33 km), 5.4.: Fisterra (35 km), 6.4.: Muxía (32 km), 7.4.: Santiago (Bus), 8.4.: Rückflug am Abend.

Ja, es ist möglich, sogar Muxía wäre drin. Ich wollte ziellos in den Tag hineinlaufen und jetzt habe ich mir doch einen festen Plan gemacht. Ich schlendere durch die Stadt und finde zwei Postkarten für Sabine und Paul. Ich gönne mir in einer Bar auf der Plaza ein zweites Mineralwasser und schreibe Grüße in die Heimat. Noch ein Stadtrundgang durch die gepflegte Altstadt schließt sich an und jetzt ist auch die Kathedrale geöffnet.

Ich treffe wieder die Pilgerinnen von heute Mittag. Sie wollen Tui gerade aus Verse­hen verlassen. So schnell ist man an der Herberge vorbeigelaufen. Ich bringe sie zur Herberge neben der Kathedrale, die ich ehrlicherweise auch der privaten Herberge vorziehen würde, aber jetzt habe ich eingecheckt und bin wohl heute Nacht auch – noch – allein dort. Ich setze mich mit meinem nächsten Mi­neralwasser ins Café „Museu“ und har­re der Dinge, die da kom­men werden. Zunächst ist das eine Schüssel Oliven zum Mineralwasser, unge­wöhnlich, die gibt’s sonst nur zu alkoholi­schen Ge­tränken. Ich genieße das Faulenzen in der Sonne in vollen Zügen. Dann treffen die bei­den Pilgerin­nen wieder ein. Jetzt suchen sie Wolfgang, einen Pilger, den sie ir­gendwo verloren ha­ben. Den Weg zu meiner Her­berge erkläre ich ger­ne, bin aber zu träge sie dorthin zu begleiten. Es tut gut, ab und zu ein paar deut­sche Worte zu hören. Derzeit finde ich genau das richtige Maß für mich zwischen Allein­sein und dem Kontakt zu ande­ren Pilgern. Das Buch vor der Nase ist oft nur Alibi um beschäftigt auszusehen.

Warum mache ich mir Gedanken darüber, was andere von mir denken könnten? Das Stichwort „Angst“ fällt mir ein. Wovor habe ich Angst, so dass ich nicht einfach nur Löcher in die Luft starren möchte?

Beim Anruf von Katharina er­fahre ich, dass Dag­mars und Werners Sohn Tobias ver­storben ist. Ich bin betroffen. Das ist wohl das Schlimmste, was Eltern passie­ren kann. Ich überlege, wie ich ihnen mein Bei­leid bekunden kann.

Dann suche ich die anderen Pilger. Ich mag jetzt nicht allein sein. Zu acht ha­ben wir unser Abendessen im Freien, denn es ist auch abends warm genug. Kurz vor 22:00 Uhr ist dann allgemeiner Aufbruch. In meiner Herberge bin ich allein. Das tut mir gut. Im Schlafsack muglig warm eingekuschelt, greife ich zum Buch von Thích Nhất Hạnh. Chronologisch wäre heute der Abschnitt „Ärger“ dran. Der passt jedoch nicht zu meiner Stimmung. Ich such nach den Thema „Trauer“ in dem Büchlein, schlafe jedoch darüber ein.

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