Gegen 7:00 Uhr sind wir wieder auf und es gibt Frühstück mit Rührei und al­lem, was man sich wünschen kann. Dann bricht Fernanda zur Arbeit auf. Ihr Mann hütet noch das Haus, bis wir weg sind. Ich muss zweimal zurückgehen, denn zuerst vergesse ich meinen Hut, dann die Stöcke.

Die Sonne meint es heute besonders gut. Schon am Vormittag ist es sehr warm. Die erste Bar taucht auf, mir ist schon nach Pause mit einem doppelten Café solo und Mineralwasser zumute. Es war wohl gestern doch ein halbes Glas Hauswein zu viel.

Das Letzte, was mein Handy für heute spendet, ist eine Werbe-SMS meines Netz­betreibers und die Uhrzeit: 10:00 Uhr, dann ist der Akku wieder einmal leer. Gestern waren genug Steckdosen vorhanden, doch ich habe das Aufladen vertrödelt.

Die drei Ame­rikaner Jake, George und Sam treffe ich vor dem Café „Lo­tus“ in Ponte de Lima wieder. Für sie ist hier für heute Feierabend. Wir trinken ein Ab­schieds­getränk, sie ein Cerveza, ich einen Café con leche, denn ich habe noch 18 Kilome­ter vor mir. Dann geht es über den Rio Lima und vorbei an der Herberge. Auch in dieser schönen Herberge habe ich schon übernachtet.

Der Weg hinter Ponte de Lima ist schön und gut zu gehen. Ich kehre selbstverständlich in der Bar „Santrutas“ neben der Fischzucht ein, denn ich habe viele gute Erinnerungen an diese Bar. Hier habe ich auf dem letzten Camino unter dem Gelächter der Bedienung mit meiner Regenhose gekämpft. Die Füße dürfen auch lüf­ten, denn ich sitze draußen auf der Terrasse. An ei­ner Zehe hat sich eine kleine Blase gebildet. Ich habe eine Salbe griffbereit im Rucksackdeckelfach, verarzte sie und werde sie im Auge behalten. Thích Nhất Hạnh würde vielleicht sagen „den Füßen Achtsamkeit schenken“. Mein Freund Bruno hat einmal gesagt: „Den Weg gehst du mental“. Das mag stimmen, doch die Füße gehen ihn auch, und zwar Schritt für Schritt.

Nächster Stopp ist an der klei­nen Bar „Nunes“ neben der kleinen Kapelle. Wie­der freue ich mich über die Freundlichkeit, mit der mir ein Mineral­wasser für 70 Cent serviert wird. Ein Hund liegt im Schatten. Er hat mich nur kurz ange­schaut. Kein Knurren, kein Bellen, er ist wohl Pilger gewohnt. Wäh­rend ich mein Mineralwasser schlürfe, wechselt er mehrmals fast in Zeitlupe die Position, Son­ne – Schatten – Sonne …

Bis Rubiães sind es laut Aussage der Dame in der Bar noch acht Kilometer, nach meiner Erinnerung kommt jetzt die stärkste Steigung auf dem Caminho Portu­guês. Meine Erinnerung täuscht mich nicht. Die Steigung vor und nach dem Franzosenkreuz bewältige ich laut schnaufend. Ich laufe sehr vorsichtig, denn wenn ich jetzt hier umknicke, ist weit und breit niemand und Hilfe kann ich auch nicht herbeitelefonieren, mein Handyakku ist ja leer. Als es ebener wird, wird mein Schritt und Atem wieder leichter.

Bald er­reiche ich mein Ziel, die kleine Pension kurz vor Rubiães. An der Rezeption darf ich mir aussu­chen, in wel­cher Sprache ich verhandeln möchte. Weder Deutsch noch Englisch stehen zur Auswahl. Im Angebot ist Portugiesisch, Spanisch und Französisch. Nichts davon hatte ich in der Schule. Doch kurz entschlossen entscheide ich mich für Französisch. Für sieben Uhr ist schon ein Abholservice zum Restaurant „Constantino“ arrangiert und es fällt mir leicht, mich diesem Arrangement anzuschließen, statt im Dunkeln drei Kilometer an der Straße hin und zurück zu gehen.

Das Abendes­sen neh­me ich zusammen mit einem Ehepaar aus Irland ein. Es wird viel gere­det, doch wenig gesagt. Aber es ist gut, Gesellschaft zu haben und sich auch mal nur auf einen Small Talk zu beschrän­ken. Das Essen ist sehr gut und reichhaltig, ich schaffe nur weniger als die Hälfte meiner Portion. Der irische Pilgerkollege zückt nach dem Essen seine Insulinspritze und jagt sie sich unauffällig in die Haut.

 

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