Auch heute Nacht haben die Jugendlichen unter meinem Fenster wieder ge­tagt. Entsprechend wenig habe ich geschlafen. Mit Birgit frühstücke ich noch zusammen, dann ver­ab­schieden wir uns. Ich nehme die Metro bis Santa Clara. Nach dem Plan, den mir Christian geschickt hat, finde ich den Weg zum Camin­ho Central einfach. Ein paarmal frage ich vorsichtshalber nach. Die Leute sind alle nett und hilfsbereit. In Arcos treffe ich auf den markierten Caminho Central. An einer Farmácia kann ich ablesen, dass es heute 24 Grad sind.

In Rates bin ich schon um 13:40 Uhr. Die romanische Kirche lädt zum Verweilen ein. In „Macedo's Bar“ mache ich eine ausgiebige Pause. Der Wirt ruft bei Antonio in Pedra Furada an und meldet mich dort an. Einen großen gemischten Salat serviert er mir. Oft kommt er an meinem Platz vorbei und haut mir liebevoll leicht auf die Schulter. Für ihn ist Deutschland gleich Düsseldorf, denn dort hat er eine Zeitlang gelebt. Die gegenseitige Frotzelei zwischen den beiden Städten Köln und Düsseldorf erkläre ich ihm nicht, dazu reicht mein Portugiesisch nicht aus. Dann zückt der ein riesiges Gästebuch. Ich stöbere in den Einträgen. Fast alle auf Spanisch oder Portugisiche, einige auf Englisch, ganz wenige auf Deutsch. Mutig wie ich heute bin, mache ich meinen Eintrag auf Deutsch.

Für den Weitermarsch krame ich den Sonnenhut aus dem Ruck­sack. Gegen 16:00 Uhr bin ich in Pedra Fu­rada bei Antonio. Ich erinnere mich, hier auf meinen früheren Caminos vorbeigelaufen zu sein. Letztes Jahr habe ich hier Postkarten eingeworfen, aber ich hatte in der Bar am Ortseingang Pause gemacht und nicht hier.

Kaum bin ich angekommen, da beginnt Antonio meine Planung für morgen: bis Barcelos neun Kilometer, bis Tamel 18 Kilometer und zu Fernanda in Lugar do Corgo 31 Kilo­meter. Ich werde wohl versuchen Fernanda zu er­reichen. Nach einer aus­giebigen Dusche und einer noch längeren Siesta gehe ich in das Restaurant. Ich bin ge­spannt, was ich mir bei der Ankunft zum Essen aus­gesucht habe.

Der Tag heute war wun­derbar leer von Gedan­ken. Ich hatte Muße, Blu­men am Wegesrand zu sehen und die Vögel zwit­schern zu hören. Es ist schön, dass mir der Weg so vertraut ist. Heute hat­te ich das Gefühl, einfach nur laufen zu wol­len. Ein Blick nach rechts oder links weckte schöne Erin­nerungen.

In der romanischen Kirche von Rates habe ich ver­weilt. Ich war alleine und so habe ich „My Way“ lei­se vor mich hin gesun­gen. Das hat gutgetan, auch wenn es bei der dritten Strophe am Text haperte. Auf den nächsten Camino werde ich die Noten wieder mitnehmen.

Antonio schaut nach mir, eine nette und herzliche Geste. Pil­ger sind bei ihm im Haus wirklich gut aufge­hoben. Mein Pilgerfreund Christian hat mir nicht zu viel versprochen. An­tonio wird auch mit Fernanda in Lugar do Corgo telefonie­ren, um mich dort anzumelden.

In Rates gab es schon in der Bar ein Gästebuch, hier nun das zweite auf die­sem Weg, in dem ich mich verewigen darf. Ausgeruht wie ich bin, mache ich den Eintrag auf Englisch. Ein paar Pilger sind heute hier durchgekommen, entnehme ich dem Buch. Aber keiner außer mir hat zur Übernach­tung ver­weilt. Da ist es gut, dass ich das Buch von Thích Nhất Hạnh bei mir habe. Heute nehme ich mir den Abschnitt „Angst“ vor, obwohl ich heute keinen Moment Angst empfunden habe.

 

Joomla templates by a4joomla - Sponored by Siegelringschmiede René Rettberg.