Corrys Wecker klingelt um 7:00 Uhr, denn um 7:30 Uhr ist Messe. Eini­ge Pilger nehmen daran teil so wie wir. Zuerst aber irren wir durchs Klos­ter, um die Ka­pelle zu finden. Die Mönche zelebrieren die Messe mit viel Gesang. Es ist ein guter Ab­schluss für den Nordweg, denn heute geht es hinüber zum Camino Francés. Da mein Magen diese Nacht geschimpft hat, bin ich beim Frühstück in der Bar genüg­sam. Ich verabschiede mich von Corry, Matthias, Pedro und Zouw. Die vier dehnen das Frühstück noch aus und ich bin wieder allein auf dem Weg. Nach gut zwei Stun­den treffe ich Linda und Werner an einer Bar. Das Hin­weisschild nach San­tiago auf der anderen Straßenseite ist die At­traktion des Ortes. Ein paar Pilger kom­men vorbei und immer gibt es ein Foto. Ich gehe als letzter los. Ir­gendwann holt Corry mich ein. Sie und die ande­ren haben in der letz­ten Bar kei­ne Pau­se gemacht, sondern wollen das im nächs­ten Ort tun. Dazu habe ich keine Lust. Ich fülle im nächsten Laden meinen Pick­nickbeutel auf, suche mir eine schöne Bank und bin wieder ganz für mich.

Dann geht es weiter. Die Jogger­gruppe über­holt mich. Im nächsten Ort ist die Kirche geöffnet und ich kann so­gar Kerzen an­zünden. Gleich zwei gönne ich mir, die ersten, die ich auf diesem Camino anzünde. Ein Dank und ein Abschluss für den Camino del Norte.

Über Mittag ist es heiß, der Asphalt reflektiert die Hitze. In Arzúa sehe ich mein er­stes „Completo“-Schild auf diesem Camino. Ich suche ein Café auf, stärke mich, wechs­le den Chip in der Kamera und ziehe weiter. Heidi habe ich telefo­nisch nicht er­reicht. Das Quartier bei ihr, etwa zehn Kilometer entfernt, fällt also aus. Es gibt in zehn und in fünfzehn Kilometern eine Herberge, hier im Ort selbstverständlich auch, aber dann würde ich es morgen nicht bis Santiago schaffen.

Kurz nach Arzúa holt mich eine Holländerin ein. Ich passe meinen Schritt ihrem flotten Tempo an. Auf den nächsten zehn Kilometern unterhalten wir uns. In einer Bar, die eigentlich geschlossen ist, bekommen wir eine Cola und ein Wasser geschenkt. Bald weiß ich, welche Wege sie schon gelaufen ist, dass sie gerade als Hospitalera in Roncesvalles gearbeitet hat und kurz zuvor in Madrid einen Marathon gelaufen ist. Heute will sie einen neuen persönlichen Rekord aufstellen und die Fünfzig-Kilometer-Marke knacken.

Als ich gerade denke, dass ich das Tempo nicht mehr lan­ge durchhalten kann, taucht das Schild einer Pension achtzig Meter querab vom Weg auf. Wir ver­abschieden uns herz­lich und ich stehe fünf Minuten später unter der Dusche. Auf dem letzten Kilometer­stein habe ich die Zahl 24 gelesen. Also kann ich es morgen bequem nach Santiago schaf­fen. Ich werde zwar nicht zur Mittagsmes­se dort sein, aber früh am Nachmit­tag, und einen ru­higen Pilgertag haben. Nach dem Pflichtpro­gramm habe ich noch eine halbe Stunde Zeit bis zum Beginn des Abendessens. Das gibt es hier schon um 19:30 Uhr.

Der Stepcounter ist bei 47.145 Schritten für heute angekommen. Den wei­teren Plan für diese Pilgerfahrt denke ich mir so: der Tag morgen in Santiago, dann vier Tage für die Schleife Muxía / Finis­terre, ein Ruhetag in Fi­nisterre, Rück­fahrt mit dem Bus nach Santiago und dort eine Übernachtung. Und dann per Bahn nach Hause. Die Bahnfahrt dürfte an­derthalb Tage dauern.

Doch jetzt erst einmal zu Abend essen! Zwölf Pilger ha­ben sich von dem Schild hierher lo­cken lassen. Ich höre nur deutsche, holländi­sche und englische Töne. Die an­dern sind Pärchen und kleine Gruppen, sodass ich allein bleibe. Das ist mir heute sehr recht, denn die vie­len Pilger seit Arzúa haben mir genug soziale Kontakte gebracht. Am Telefon ist Katharina erstaunt, dass ich schon so weit gekommen bin, und mit meinem Plan für die nächsten Tage ist sie auch einver­standen. Ich soll mir ruhig Zeit nehmen.

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