Als sich der Wecker um 7:00 Uhr meldet, bin ich schon ein paar Minuten wach. Mal sehen, ob das zu Hause auch meine Zeit bleibt. Ich packe in Ruhe, denn die Reihen­folge ist für die Bahnfahrt anders. Eine halbe Stunde später ziehe ich die Zimmertür und dann die Hoteltür hinter mir zu. Laut Auskunft gestern im Touristenbüro sind es bis zum Bahnhof zu Fuß nur zwanzig Minuten. Ich zücke also den Stadtplan und mache mich auf den Weg. Nebenbei halte ich Ausschau nach einem netten Café für das Frühstück. Das finde ich auch, eins ohne Fern­seher. Ich erinnere mich, hier war ich schon einmal im letzten Jahr. Mich schei­nen in Santiago jedes Jahr dieselben Cafés anzusprechen. Gestärkt geht es weiter. Sicherheitshalber frage ich zweimal nach dem Weg. Er ist richtig. Mir fällt ein, dass Männer angeblich nicht nach dem Weg fragen sollten. Zu dieser Art Mann gehöre ich definitiv nicht. Oder muss ich zugeben, dass ich vor mei­nen fünf Caminos dieses Vorurteil auch bedient habe? Das zumindest habe ich beim Pilgern gelernt.

Viel zu früh bin ich am Bahnhof. Ich hoffe, Auskunft über den Anschluss von Hendaye nach Köln zu bekommen. Die Auskunft ist auch nach zwei Schlangen an zwei Schaltern mager. Es sieht nach ei­ner Übernach­tung in Hendaye aus. Einen Fahrschein ab Hendaye kann man mir hier auch nicht verkaufen. Es ist wohl die Schattenseite des Internets, dass der Ser­vice vor Ort immer schlechter wird. Wieder einmal, wie so oft in meinem Leben, grüble ich darüber nach, ob meine Entscheidung, Bahn fahren zu wollen, rich­tig war. Aber ich will ja langsam zu Hause ankommen. Das wird mir wohl gelin­gen. Unterwegs habe ich keinen Ruhetag eingelegt, was ich nun voraussichtlich am Ende meiner Pilgerfahrt nachholen werde. Jetzt ist der Zeitpunkt für den Rückblick gekommen, Zeit für die Statistik. Der Camino del Norte ist laut Pilgerführer 860 Kilome­ter lang und der Camino Fisterra inklusive Muxía 120 Kilometer. Mir fehlen also zwanzig Kilometer an dem Tausender. Macht nichts. Ich war auf dem Camino del Norte 27 Tage und auf dem Camino Fisterra vier Tage unter­wegs, das bedeutet also einen Schnitt von über dreißig Kilometern am Tag. Ich kann meinem Körper nur danken, vor allem den Füßen, dass sie mich so sicher über den Weg getragen ha­ben. Sie haben jede Menge Aufmerksam­keit bekom­men und das damit belohnt, diese ganze Strecke ohne Blase durch­zuhalten. Wenn Knie oder Hüfte sich melde­ten, habe ich auf meinen Körper ge­hört. Auch als der Magen streikte, habe ich schön langsam gemacht. Sicher hat es meinen Füßen gutgetan, dass sie jeden Tag ein wenig weniger Hermann über den Weg zu tragen hatten. Ich bin gespannt, wie­viel weniger Hermann die Waage zu Hause anzeigen wird. Möge dieser Teil von mir für immer auf dem Weg hier in Spanien bleiben. Hier stört er keinen. Habe ich auf diesem Weg auch noch ein anderes Ziel erreicht? Ein klares Ja! Mein Ziel war zwar so weit gefasst, dass es leicht zu erreichen war. Doch bin ich mir selber viele Schritte näher gekommen.

Das Wetter ist heute wunderbar, der Zug trödelt durch die schöne spanische Land­schaft. Mir wird der Abschied von diesem Land nicht leicht gemacht. Im Speise­wagen treffe ich ein nettes französisches Ehepaar. Wir sind uns einig, dass wir bei diesem schönen Wetter eindeutig in die falsche Richtung fahren. Auf der Höhe von Astorga bekomme ich von einem Pilgerehepaar aus Zwickau die Information, dass in Frankreich für morgen ein Streik der Eisenbahner an­gekündigt ist. Heute Abend gegen 21:00 Uhr, wenn ich in Hendaye bin, weiß ich mehr. Die gute Nachricht ist, dass es den Nachtzug nach Paris noch geben soll. Das hat mir in Santiago keiner verraten. Als ich, so vor mich hin dösend, aus dem Fenster schaue, sehe ich das Ehepaar aus Zwickau in Burgos ausstei­gen. Hoppla, haben die doch einen anderen Zug gemeint? Ich werde bald wis­sen, ob ich in der Nacht weiter nach Paris fahren kann oder nicht. Nun schaue ich auch einmal auf den Zettel, den ich in Santiago bei der Bahnauskunft be­kommen habe. Darauf ist ein Nachtzug ab Burgos bis Paris an­gegeben. Na, mal sehen, wie für mich diese Reise weitergeht. Es kommt mir vor, als würde ich geprüft, ob ich auch wirklich alle Ruhe der Welt auf meinem Camino ge­tankt habe. Ein anderer Pilger bestätigt die Information über den Streik in Frank­reich. Also gibt es für mich vielleicht noch einen Strandtag in Irun auf diesem Camino und ich habe die Badehose nicht umsonst durch Spanien getragen. In Hendaye bewahr­heiten sich alle Gerüchte. Erst übermorgen, am Freitag, werde ich wei­terfahren können.

Da Katharina gesagt hat, ich solle mir ein gutes Hotel neh­men, folge ich ih­rem Rat, laufe nach Irun und folge den Hinweisschildern auf Hotels. Das Hotel „IBIS“ hat kurz nach 22:00 Uhr schon die Rezeption ge­schlossen. Also laufe ich weiter und ein nettes Golf-Hotel taucht auf. Man hat ein feudales Doppelzimmer für mich. Sogar einen Salat bekomme ich noch um diese späte Stunde. Lustlos ma­che ich mich ans Pflichtprogramm, denn es ist ja noch Kleidung für mindestens zwei Tage nötig. Der Tacho zeigt heute immer­hin 11.466 Schritte an. Und der We­cker bleibt aus. Genau wie der Fotoapparat den ganzen Tag über schon.

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