Um 6:00 Uhr gehen gleich zwei Wecker. Dann beginnt nahtlos das Tütenrascheln bei Taschenlampenlicht. Eine halbe Stunde kann ich mich noch an der Matratze festhalten, dann steige auch ich von meinem Hochbett. Beim Frühstück wirft dann eine Französin einen verächtlichen Blick zu mir rüber: „Du siehst gar nicht aus wie ein Pilger, Du siehst aus wie ein Tourist." Nun, das habe ich kurz vor sieben morgens gebraucht. Ich stammle was von meinem ersten Tag und sehe zu, dass ich fertig werde, meine Schuhe anbekomme und losmarschieren kann.
Links raus aus der Herberge, das habe ich am Vorabend schon erkundet. Der Führer ist genau, Hinweisschilder sind genug da und so habe ich kein Problem, den Weg zu finden. Ich habe mir für den ersten Tag nur eine kleine Etappe vorgenommen und so lasse ich mir Zeit, mein Tagesziel zu erreichen. In Huntto eine erste Pause. Noch bleibe ich an meinem Tisch, es entspannt sich aber ein Gespräch zum Nachbartisch mit drei Französinnen. 40 Grad hätten wir heute, wird mir verkündet. Viele Pilger mit winzigen Tagesrucksäcken über­holen mich. Ich erinnere mich: Da war ein Schild in Saint Jean von wegen Rucksacktransport.
Kurz bevor ich in Orisson ankomme, holt mich Manuela aus Wien ein. Als sie in Orisson mitbekommt, dass für mich der Pilgertag zu Ende ist, rennt sie in die Herberge und kommt freudestrahlend wieder heraus. Sie hat noch einen Platz in einem Zelt neben der Herberge erwischt.
Am Nachmittag ziehe ich die Turnschuhe an und mache eine Erkundungstour. Manuela und ich überlegen, was wir überflüssigerweise mit uns rumschleppen. Sie liebt Bücher, aber am nächsten Tag erzählt sie mir dann, dass sie das noch ungelesene Buch schweren Herzens zurück­gelassen hat. Meine neue Sonnenbrille ist von alleine gegangen, wahrscheinlich beim noch ungewohnten Aufbruch in Saint-Jean-Pied-de-Port, von mehr mag ich mich jetzt noch nicht trennen. Eine Jugendgruppe aus Paris macht auf einem Hügel neben der Herberge einen Abendgottesdienst, den auch ich mit einigen anderen Pilgern besuche. Frieden – auch wenn ich nichts verstehe.
Ein sehr gutes Abendessen gibt es gemeinsam an zwei langen Tischen, dann eine Vorstellungsrunde und es wird ein Geburtstagsständchen gesungen, denn der Herbergsvater hat Geburtstag.
Dann zur guten Nacht bekomme ich noch einen netten Spruch: „Ich dachte, wir sind ein reines Frauenzimmer", ertönt es zur Begrüßung, als ich mein Bett aufsuchen will. Aber ich werde als einziger Mann in dem dreisprachigen Sechsbettzimmer dann doch geduldet. Sabrina, die in dem Bett unter mir schläft, den Weg rückwärts geht, sich mit Jürgen lange unterhalten hat, mir einschärft, ihr Ladegerät aus meinem Wirrwarr von Tüten am nächsten Tag herauszuholen, gibt mir noch auf den Weg: „Ich weiß es, es ist nicht umsonst, dass Du Deine Sonnenbrille zurückgelassen hast."

Hier der Start- und der Endpunkt der kurzen Etappe von Saint-Jean-Pied-de-Port nach Orisson:

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