Manni ist am nächsten Morgen wieder um 5:00 Uhr beim Packen seines Rucksackes, also duschen wir auch, packen und warten, bis es um 6:00 Uhr Frühstück gibt. Kurz vor sieben wieder auf die Piste, eine schöne ebene Landschaft. Die Sonne geht hinter uns auf. Nach 2,5 Stunden erreichen wir Los Arcos. Je nach Führer sind es noch 18,1, 18,4 oder 19,1 Kilometer von hier bis nach Viana, unserem Tagesziel. Der zweite Kaffee wird gestrichen, wir wollen noch die relative Kühle des Vormittages nutzen. Auf dieser Etappe gibt es viel Landschaft, Zeit, auch mal für sich zu sein – auch wenn man zusammen läuft.

Als wir in Viana ankommen, ist linker Hand ein Schild „Completo" an der Herberge, dafür liegt rechter Hand eine nette Privatherberge mit drei Sternen. Tauschen wir überhaupt einen Blick oder schwenken wir beide automatisch synchron nach rechts in den Marmortempel ein? Wir stehen an der Rezeption des Hotels Palacio de Pujadas und haben in Sekunden unsere Betten für eine Nacht ohne Tütenrascheln gebucht. Die Kreditkarten liegen dicht an dicht auf dem Rezeptionstresen, die Betten dagegen stehen züchtig weit auseinander. Der Pilger-Luxus pur ist, dass wir unsere Wäsche noch heute Abend gewaschen bekommen.

Also können wir entspannt zurück auf die Flaniermeile und aus sicherer Position in einer Straßenbar den ankommenden Pilgerstrom beobachten. Es gesellt sich Manni zu uns. Er hat heute Bus und Autostopp bemühen müssen, denn sein kleiner Zeh ist zu schlimm. Michelle und Manni schleppen sich zum Arzt, der hier die Pilger kostenlos verarztet. Michelles Füße haben diverse Blasen und ihr großer Zeh eine Nagelbettentzündung. Hut ab, mit so einem Handicap fast 30 Kilometer zu laufen. Pilgern ist nicht nur Fun. Mir bringt Michelle aus der Farmaceria ein Desinfektionsmittel mit, weil ich ihrer Meinung nach meiner Blase mit Nadel und Faden zu Leibe rü­cken sollte. Ich lasse das besser – aus Überzeugung, schleppe aber das Desinfektionsmittel vorsichtshalber in Zukunft mit mir herum.

Im Hotel gibt es abends ein gutes Pilgermenü, aber der Nachtisch ist schon eine Überraschung. Die Früchte sind Apfel oder Apfelsine im Stück, na gut, haben wir morgen was fürs Picknick. Am Nachbartisch drei Spanierinnen, die eine habe ich schon mal irgendwo gesehen. Aber wer läuft einem schon über den Weg, den man noch nicht gesehen hat, den man aber vielleicht nur noch nicht wahrgenommen hat? Geht es den anderen Pilgern genauso wie mir bei dem Thema?

Hier der Start- und der Endpunkt der Etappe am von Villamayor de Monjardin nach Viana

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