Morgens der übliche frühe Aufbruch, nichts Besonderes mehr. Mit Anna mache ich das übliche Bild mit den langen Schatten auf dem Weg, dann ziehen Maria und Anna weiter. Sie sind heute schneller als ich. Ich finde langsam zu meinem gemütlichen Zotteltrott. Meine Pausen sind häufig, nämlich einfach bei jeder Bar, in der ich einen Kaffee und einen Orangensaft bekomme, aber in der Regel relativ kurz. Dafür ist es – wie Jürgen sich ausdrückt – schon fast Kult, dass ich als Erstes bei der Ankunft in Bar oder Herberge meine Badeschlappen anziehe. Meine Füße danken es mir und ich ziehe die Schuhe auch immer abseits aus. Die meisten anderen ziehen die übrigens auch aus, aber das mit den Badeschlappen ist meine spezielle Note.

Heute wollte ich zwar nur 20 Kilometer gehen, aber als ich in Castrojeriz ankomme, ist es erst 11:45 Uhr, also noch gut drei Stunden bis zur nächsten Herberge. Das ist sicherlich durchaus machbar. Es sind dann immer noch keine 30, sondern nur 29 Kilometer. Lijgien trifft unabhängig von mir dieselbe Entscheidung. Der Weg zum Alto de Mostelares hoch zieht sich zwar, vor allem, weil es die Sonne mal wieder gut – besser: sehr gut – meint, ist aber einfach zu gehen und landschaftlich traumhaft. An der Puente Fitero treffe ich dann Jürgen, der gerade los will. Noch ein kleines Schwätzchen und er bricht nach Boadilla del Camino auf. Bei mir soll es nur bis Itero de la Vega gehen. Wir – irgendwie haben sich Lijgien, Gisa aus Münster und ich uns auf dem Weg zu einem kleinen Trüppchen gesammelt – kommen an einer Kirche vorbei und ich sehe Jürgen im „Garten" auf einer Bank liegen. Er will bis vier warten, denn dann wird geöffnet, und fragen, ob er hier zelten darf. Lijgien hat inzwischen den Führer studiert und verkündet uns, dass das hier eine besondere Herberge ist, und so beschließen wir alle drei, es uns auf den beiden Bänken vor der Herberge gemütlich zu machen. Die Herberge ist in einer ehemaligen Kirche, hat acht Betten und wird ehrenamtlich von Italienern betrieben. Strom gibt es selbstverständlich auch nicht in der Kirche, wohl aber im Sanitärhaus, das ein paar Schritte entfernt steht. Bei uns kehrt Ruhe ein, jeder sucht sich ein Fleckchen im Garten, das passt gut zu meiner derzeitigen Stimmung. Ich liege im Schatten auf einer Bank, höre Stimmen. Anna und Maria kommen vorbei. Mal sehen, ob sie bleiben.

Vor dem Abendessen wird uns die Kirche erklärt, Maria übersetzt ins Englische. Dann werden wir gebeten, im Altarraum Platz zu nehmen. Einen Fuß bekommt hier jeder Pilger gewaschen. Die beiden Italiener ziehen sich Umhänge mit Jakobsmuscheln an und ich bin als erster dran. Welchen Fuß nehme ich nun? Sekundenlanges Zögern, dann entschließe ich mich für den linken, dabei macht der rechte eher Schwierigkeiten. Nun, der linke Fuß wird mich nach Santiago bringen und den rechten mitnehmen.

Dann kommt gute italienische Küche, etwas getrübt durch das Wegwerfgeschirr, das irgendwie nicht zu der Stimmung und dem angenehmen Kerzenschein passt. Ein paar Lieder werden noch zur Gitarre gesungen, dann ist noch gemeinsames Abwaschen angesagt. Bei Kerzenschein suchen wir dann, wie gewohnt, um 22:00 Uhr unsere Betten auf. Auch wenn wir uns teilweise erst seit wenigen Tagen oder eher Stunden kennen, ist es eine sehr vertraute, wohltuende Gemeinschaft. Es ist einer der unvergesslichen Abende meines Camino.

Hier der Start- und der Endpunkt der Etappe am 4. September von Hornillos del Camino nach San Nicolás de Puente Fitero

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