Bis Reliegos sind es zwei Stunden, zwei Stunden, in denen Liz und ich uns erzählen, warum wir hier sind. Gespräche beginnen, brechen mittendrin ab, weil einer eine Pause einlegt, weil ein anderer Pilger dazukommt. Später werden sie fortgeführt – oder auch nicht. Der Weg gibt den Rhythmus an, ich lasse mich darauf ein, versuche nicht festzuhalten, nicht zu klammern. Geschehen lassen, ohne zu bewerten, nur beobachten, nur dem Gefühl folgen.

Nachdem ich meine Badeschlappen anhabe, mein Kaffee und mein Orangensaft vor mir stehen, zücke ich mein Büchlein. Liz hat gestern auch nichts aufgeschrieben und so sitzen wir zufrieden, unsere Notizen machend, hier in Reliegos. Ein Stück wollen wir noch weiter.

Mansilla de las Mulas scheint ein netter Ort zu sein, also schwenken wir links zur Herberge ein. Erst Anmeldung, dann hoch zu den Zimmern im ersten Stock. Die Zimmer sind sehr klein, ganz wenig Platz für den Rucksack. Zu eng für Liz, also gehen wir wieder zur Anmeldung, um uns abzumelden. „Denkt erst mal in Ruhe nach", sagt die nette Deutsche an der Anmeldung. Also gehen wir zur Bar gegenüber und studieren erst einmal den Führer. Ein netter Dauerpilger, ein Deutscher, der hier irgendwie zur Herberge gehört, macht per Handy eine Herberge 1,5 Stunden weiter klar samt gutem Abendessen, wie er versichert. Also los – nein, doch nicht, der nette Herr sieht, wie Liz läuft, und bietet eine Naturheilbehandlung an. Nachdem ich von Nina, Finnland, etwas über Reiki gehört habe, ordne ich die Behandlung dort ein. Die kann man nicht ausschlagen! Auch meine Schulter bekommt einen positiven Energieschub. Nun los? Nein, Ulla ist angekommen und Liz sieht, dass es hier noch einen weiteren Trakt mit größeren Zimmern gibt. Also Pilgerpässe wieder zur Anmeldung bringen, andere Herberge absagen und die neuen Zimmer beziehen. „Aber ihr wisst, was ihr wollt", ist der trockene Kommentar. Hier sind alle einfach nur nett und entspannt. Nach dem Pflichtprogramm ziehe ich mir meine Turnschuhe an und mache eine große Runde durch die Stadt. Warum habe ich das Hin und Her mitgemacht? Hat es mich gestört? Nein, mir war es völlig egal, ich will morgen nur nach León, und ob ich da um 11:30 Uhr oder um 13:00 Uhr ankomme, ist ganz egal.

Es hatte etwas Gutes hierzubleiben, ich treffe Simone vor einer Bar wieder. Sie erzählt mir etwas vom Radikalen Konstruktivismus. Ich verstehe es nur teilweise, aber es klingt interessant und ich nehme mir vor, zu Hause mehr darüber herauszufinden. Was unser Gespräch in Burgos bei mir bewegt hat, erzähle ich ihr selbstverständlich auch. „Das ist der Camino", ist der treffende Kommentar. Sage ich auf die Frage von Simone „Bist Du auch schon mal alleine gelaufen?" die Wahrheit, als ich mit Ja antworte? Hatte ich nicht jeden Tag irgendeinen intensiven Kontakt mit einem anderen Pilger, einer anderen Pilgerin? Egal!

Zurück in der Herberge werde ich von Ulla aus Dänemark, Martina und Liz zum Resteessen eingeladen. Dafür wasche ich ab und besorge noch etwas flüssige Nahrung. Gut, dass die Läden in Spanien abends so lange geöffnet haben. Der Abend wird sehr fröhlich, denn die Herberge hat einen schönen Innenhof. Manni, Elke und Jasmin sind heute drei weitere bekannte Gesichter in der Herberge. Für mich neue Gesichter, die ich mir merken kann, sind Kim aus Neuseeland, Barbara aus Freiburg und Karel aus Würzburg. Dabei habe ich eigentlich gar keinen Bedarf mehr an weiteren Kontakten zu anderen Pilgern. Ab Burgos ist der Weg voller geworden.

Hier der Start- und der Endpunkt der Etappe am 9. September von El Burgo Ranero nach Mansilla de las Mulas

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