Morgens ist es erstaunlich ruhig in der Herberge oder hat sich nur mein Biorhythmus auf das nächtliche Aufstehen eingestellt? Ich nehme meinen Raschelbeutel mit den Frühstücksutensilien und genieße, hier Kaffee von einer netten deutschen Herbergshelferin eingeschenkt zu bekommen. Dann Schuhe an, Rucksack gepackt und los – halt – ich komme wieder am Frühstücksraum vorbei und es ertönt laut mein Name. Ich erblicke Angela. Sie schubst dreißig Franzosen in ihre Kaffeetassen, stürmt um den Tisch und fällt mir um den Hals. Ein schöner Tag beginnt. Sie sprudelt los, ich habe blöderweise schon die Schuhe an und die wollen loslaufen. Warum ich so viel Unruhe in mir habe und keine Muße, noch ein bis drei Tassen Kaffee mit Angela zu trinken, ist das Thema der Stunden, die ich später alleine auf dem Weg abspule. Ich hatte alle Zeit der Welt, aber keine Zeit für den wichtigen Augenblick der Begegnung mit Angela – schade, ich kann nur dazulernen.

Die nächste schöne Umarmung folgt direkt: Simone steht vor mir, streckt den einen Arm aus. Ich frage: „Was willst Du?" – „Dich umarmen", ist die Antwort. Dann bin auch ich dafür bereit. „Wir sehen uns bestimmt wieder", sagt sie zum Abschied, doch ich weiß in diesem Augenblick: auf diesem Camino nicht, und es gibt mir einen Stich ins Herz. Ich hoffe, Simone behält recht, denn ihre Aussage beinhaltet ja keinen Zeithorizont.

Den Weg aus León meistere ich perfekt, denn gestern hatte ich ja den Weg zur Kathedrale oft genug geübt, und dann stolpere ich über eine nette Nürnbergerin. Sie startet ihren Camino in León und ist bestens orien­tiert, weil sie am Vortag, wie sie gesteht, einige Irrwege bei der Ankunft gegangen ist. Dann wieder freies Feld, die Sonne geht im Rücken auf, ein neuer Tag mit Zeit zum Nachdenken. Gestern im Telefonat mit Katharina hat sie es sehr schön auf den Punkt gebracht: „Was Du dort erlebst, erlebst Du hier im Alltag auch. Nur dort hast Du Zeit, darüber nachzudenken. Das ist es, was etwas mit Dir macht."

Neben mir in der Bar, ich glaube, es war in Virgen del Camino, hustet Theresa, ein paar Worte wie üblich. Ich hätte sie in Japan beheimatet, sie klärt mich auf: Australien. Zwei Tage später weiß ich auch, dass ihre Eltern aus Vietnam kommen. Was uns verbindet, ist der Husten, den auch ich seit Tagen habe. Das ist in den Herbergen peinlich und lästig: immer unter die Decke kriechen, um sich nachts mal abzuhusten. Ich vergesse immer, dass die meis­ten mit Ohrstöpseln schlafen.

In Chozas de Abajo sitze ich erst einmal alleine in der Bar, bis Stephan, der „alte Mann" (noch kenne ich seinen Namen nicht), mit seinen drei Mädels ankommt. Ich habe sie schon oft gesehen und in der Herberge vor León auch in einem Zimmer mit ihnen übernachtet. Britta und Silke sind zusammen gestartet und die anderen beiden (Mel und Stephan) sind auf dem Weg dazugekommen. Als sie in der Bar ankommen, besetzen sie den Nachbartisch. Mir ist nach Gesellschaft und so frage ich, ob ich mich dazusetzen darf: „Klar, ich rücke aber nicht, Du musst Dich schon in die Mitte setzen", erwidert eine der Damen aus Münster. Ich klettere also in die Bank und erfahre viel über die ehrenamtliche Arbeit bei den Maltesern.

In meinem Zielort gibt es drei Herbergen. Ich greife zielsicher zu der uncharmantesten, aber sauberen Herberge. Theresa ist auch hier, wenigstens ein bekanntes Gesicht. Lorie aus Louisiana läuft ein und verkündet: „Ich habe Bettwanzen." Ich rücke beiseite, Lorie wird außen herum an der Herberge vorbei zur Waschküche geführt. Die Hospitaleros wissen, was sie tun, für sie ist es Alltag. Lorie bekommt einen Schwung Kleider von der Herberge, ihr ganzes Zeug wird gewaschen, Rucksack und der Kleinkram mit der Chemiekeule behandelt. Lorie liegt derweilen auf einer Liege im Garten und sonnt sich mit Kims Sonnenbrille. Die hatte Kim bei ihrem Stopp hier vergessen, sie ist nur ein paar hundert Meter weiter in der Kult-Herberge. Vier Franzosen schleppen aus einem Kombi bergeweise Koffer und Taschen in die Herberge. Ich denke, huch – und lieber nichts weiter. Am nächsten Tag werde ich von alleine schlauer. Die beiden Ehepaare laufen jeden Tag aufeinander zu. Ein Ehepaar fährt mit Auto und allem Gepäck voraus und läuft den anderen entgegen. Am nächsten Tag dann anders herum. So laufen sie also den Camino halb vorwärts und halb rückwärts. Jeder geht seinen Camino.

Ich mache mich auf, um das Frühstück für morgen zu besorgen, und treffe Jürgen vor einem der beiden Supermärkte. Dieser Ort hat tatsächlich zwei Lädchen. Jürgen und ich tauschen uns aus, er hat die Zeit für mich, die ich heute Morgen für Angela nicht hatte. Er hat gemerkt, was in den letzten Tagen mit mir los war, und sagt es mir direkt und schonend auf die Nase zu. Danke! Auch wenn man etwas weiß, es liebevoll gesagt zu bekommen, hilft weiter.

Beim Rundgang um die Kirche treffe ich Lijgien, beim Kaffee in der Herberge dann noch einmal Stephan mit seinen drei Damen. Die vier bilden eine feste Gruppe und der eine ist ohne den anderen kaum zu denken. Ich entschuldige mich nochmals für das Husten in dieser Nacht und sie versichern mir, schon Schlimmeres erlebt zu haben. Heute haben sie ein Vierbettzimmer.

Es ist Essenszeit und so gehe ich zurück zur Herberge, denn ich habe dort das Pilgermenü gebucht. Eine lange Tafel, alle gängigen Camino-Sprachen sind vertreten. Ich finde meinen Platz neben Lorie (nun hoffentlich ohne Bettwanzen) und gegenüber von Theresa. Der Salat ist gut, die Paella sehr vegetarisch. Ich sage nichts, aber Theresa stellt zielsicher fest: „Dir schmeckt es nicht." So braucht sie über ihre Empfindungen bezüglich des Essens nicht reden. Lorie stellt die berüchtigte Frage: „Warum bist Du auf dem Camino?" So in der Runde gibt es immer nur die vorgefertigte, nichtssagende Standardantwort. Den wahren Grund verrate ich maximal im Einzelgespräch. Dann kommen wir ins Erzählen, fragen uns Namen ab und ich lasse den Namen Michelle fallen und meine Zeit mit ihr. Lorie ist auch mit einer Michelle gegangen, die ihr mit ihrem Boyfriend über den Weg gelaufen ist. Das kann also „meine" Michelle nicht sein, denn die geht alleine. Später, wieder zu Hause, erzähle ich Michelle die Geschichte: „Ja, das war nach Logroño in dem Park, wo die Reiter waren." Gut, dann war ich der Boyfriend, den Lorie meinte. Wir hatten uns da nur wenige Augenblicke gesehen.

Nach dem Essen nimmt Theresa mich ins Schlepptau zu der „In-Herberge". Dort sind die Wände mit Zeichnungen und Sprüchen von vielen Pilgern geschmückt. Theresa kennt viele Pilger an dem einen, ich andere an dem anderen Tisch. Da ich mit ihr hierhergekommen bin, lande ich an dem Tisch mit vielen für mich neuen Pilgern. Es wird ein netter Abend und ich lerne einen Trick mit zwei Korken von einer Französin. Für das Lernen von neuen Namen ist es zu spät am Abend.

Hier der Start- und der Endpunkt der Etappe am 11. September von León, Albergue de Peregrinos de las Benedictinas (Carbajalas) nach Villar de Mazarife Mansilla, Albergue San Antonio de Padua

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