Morgens kann ich wieder trödeln, denn nach wie vor will ich eigentlich gar nicht so dringend in Santiago ankommen. Ich greife mir meine Frühstückstüten und Linde und Ulli räumen ihre Sachen etwas beiseite, sodass ich an ihrem Tisch Platz finde, „ihr Tisch" ist übertrieben: Es ist der Rezeptionstisch, den die beiden erobert haben. Nach dem Frühstück packe ich in aller Ruhe meine Sachen. Kirstin liegt als Einzige in dem 20-Personen-Schlafsaal noch im Bett, ich wecke sie, denn sonst würde sie wohl von der Putz­kolonne hinausgekehrt werden. Dann mache ich mich auf den Weg.

Irgendwann laufe – besser: trödle – ich neben Tina aus Köln über den Camino. Uns überholt die Schweizerin, die gestern den Bedarf hatte, eine Runde Heimatidiom zu sprechen. Sie ist mit Tagesrucksack unterwegs und ich mache den Vorschlag, den Rucksack zu tauschen. Ich ernte nur ein knappes „Träum weiter!" und dann ist sie vorbei. Ich wundere mich laut in Richtung Tina, erzähle ihr die Geschichte von gestern. Tina ist am Vortag mit ihr ein Stück gelaufen, weiß mehr und teilt ihr Wissen mit mir. Okay, nun ist alles klar – ich habe volles Verständnis, Toleranz hatte ich eh schon. Wir überholen Anne und ich stelle die besorgte Frage, ob nicht doch ein Rucksacktransport angebracht sei. „Nein", kommt prompt und überzeugt von Anne, sie will immer alles bei sich haben und unabhängig sein. Das kann ich nachvollziehen.

Dann bin ich noch langsamer als Tina, ich habe nicht die Lösung dafür, vorwärtszugehen und trotzdem Santiago nicht näher kommen zu lassen. Ich komme in Pedrouzo/Arca do Pino an. Am Ortseingang Pfeile nach links zur Herberge und Pfeile geradeaus für den weiteren Weg. Da der Führer wie gewohnt im Rucksack geschont wird, weiß ich nicht so genau, wo ich bin, entscheide mich also für den schöneren Weg. Links ist Straße und geradeaus sind Bäume. Man kann den Ort richtig nett umgehen. Dann kommt ein riesiges Sportzentrum und eine Bar. Okay, hier kann ich mal wieder mein JETZT auf die Norm eichen, Zeit und Ort ermitteln – Namen habe ich zwar, aber keinen Begriff, wo das ist. Ich grüble als Erstes, ob Badeschlappen oder nicht, denn wenn ich hierbleibe, lohnt sich das nicht, wenn ich aber weitergehe, würden es mir meine Füße danken, denn sie sind daran gewöhnt. Ein Pärchen sitzt einsam vor der Bar, den Europcarschlüssel vor sich auf dem Tisch. Also stelle ich meinen Rucksack ab, spare mir, den Führer herauszukramen und stelle die Frage nach dem Wo und Wann. Das bekomme ich auch direkt beantwortet und ich habe auch auf Anhieb die richtige Sprache für meine Frage getroffen. Die nächste Frage nach Übernachtungsmöglichkeiten im Umkreis von zehn Kilometern stellt dann völlig klar: Deutsche. Die Antwort ist kompliziert, aber einfach zusammengefasst: Alle Herbergen im Umkreis sind immer überbelegt und um diese Uhrzeit garantiert voll, Hostals gibt es nur ganz wenige und die sind alle vorgebucht und somit voll, Hotels gibt es weit und breit keine. Prima, denke ich, also nur Orangensaft und Kaffee und noch nicht das Ende des Pilgertages einläuten. Während ich es mir gemütlich mache und die Zeit gegen mich arbeiten lasse, werde ich kritisch inspiziert, nach meinem Startort gefragt. Der Zustand meiner Haare und das bügelfreie Hemd werden kritisch zur Kenntnis genommen. Ich kann nur bemerken, dass es in Spanien auch Friseure gibt (was Kirstin – nachdem sie mich gesehen hatte – bestreiten würde) und auch Waschmaschinen in Spanien schon gesichtet wurden. Als die Truppe, auf die die beiden gewartet haben, in der Bar einfällt, verzeihe ich den beiden die kritischen Blicke. Mann, sehen die fertig aus! Als bei denen das grande Cervesa auf dem Tisch steht, mache ich mich auf den Weg zurück in den Ort. Rechts gibt es gleich einen Hinweis auf ein Hostal, aber die sind ja alle voll. Also weiter in den Ort. Lust auf Herberge habe ich nicht, ich möchte gerne allein sein. Also doch wieder nach rechts und auf einem Umweg wieder in Richtung des Hostals. Die beiden Deutschen scheinen recht zu haben: „Completo" steht an der Tür. Halt, ein paar Schritte weiter ist noch eine Tür. Alles in Ordnung, ein Zimmer ist da, drei Betten – das bedeutet Platz – schön! Über den Preis müssen sich die Damen erst einigen, ich handle nicht, mir ist es recht. Die Dame verschwindet, ich beziehe mein Zimmer, da öffnet sich eine andere Tür und eine mir bekannte Stimme ruft: „Hallo, Hermann, habe ich doch richtig gehört, ich habe Deine Stimme erkannt!" Ineke ist auch hier gelandet, wie üblich hat sie drei Tage vorausgebucht. Ihrem Wunsch nach einem gemeinsamen Barbesuch komme ich gerne nach, bitte aber um etwas Zeit für die Dusche und das daily washing. Die Frage nach dem Austausch der Zimmernummern entwickelt sich und dann wissen wir beide gegenseitig unser Alter. Sie wohnt in Fünf und ich in Sieben. So können wir uns das beide ganz einfach merken.

Wir haben einen netten Nachmittag mit einem tieferen Gespräch, Gemeinsamkeiten verbinden. Ineke geht zurück ins Hostal und ich mache mich auf die Suche nach dem örtlichen Supermarkt. Stattdessen treffe ich Tina und Kirstin. Ich erfahre, dass es in diesem Ort die beste Herberge gibt, die die beiden je erlebt haben, mit Atrium, Blumen, Wasser. Kirstin war erst in der anderen, hat dann diese gesehen und ist umgezogen. Da sie eine ehrliche Hamburgerin ist, hat sie auf die Frage, ob sie schon geduscht hat, „Ja" geantwortet und so hat sie ihre drei Euro nicht zurückbekommen. Die Superherberge kostet zehn Euro. Nachdem also alle wichtigen Themen des Tages geklärt sind, suchen wir noch gemeinsam den Supermarkt auf und verabreden uns für den Abend in dem Restaurant, in dem ich vorhin mit Ineke war.

Ich schlendere also zu meinem Hostal, die Damen zu ihrer Superherberge, da sehe ich direkt vor mir Ineke und Lijgien im Gespräch. Die zwanzig Meter Umweg sind auch noch drin und ich werde von Ineke begrüßt. „Gerade habe ich zu Lijgien gesagt, du bist auch hier, und schon biegst du aufs Stichwort um die Ecke." Nun, wir alle wissen – das ist der Camino. Lijgien hätte es in einer Mail an mich dieser Tage nicht treffender formulieren können: „... Ich werde immer, wie auf dem Weg, die richtigen Personen treffen, wenn ich lebe, wie ich da gelaufen bin ..."

Da ich weiß, dass Ineke das beste Näschen für das beste Restaurant hat, schließe ich mich dem Beschluss der beiden an, laufe zurück zur Superherberge und informiere Tina von den geänderten Arrangements für den Abend. Im Beschreiben von Wegen bin ich ausgezeichnet schlecht, aber trotzdem finden sich Kirstin und Tina bald ein. Als ich eintreffe und mich bescheiden auf einen Stuhl Ineke gegenüber setzen möchte, klopft Lijgien eindeutig heftig auf den Stuhl neben sich. Ich komme ihrem Wunsch gerne nach. Wir haben uns seit Tagen nicht gesehen, wechseln ein paar Sätze und sind einfach nur zufrieden. Die Vertrautheit der Meseta ist da.

Am anderen Ende der Tafel sitzt noch Nina aus Finnland, gesehen habe ich sie schon, aber ich bin ja derzeit im „Keine-neuen-Gesichter-Modus". Es wird der erste Abschiedsabend, denn Lijgien, Ineke und Nina wissen genau, dass sie morgen nach Santiago gehen wollen. Kirsten, Tina und ich wissen das noch nicht mit der Tendenz – nein, eher nicht, eher machen wir noch einen Stopp am Monte do Gozo. Einer der Damen fällt es hier zum ersten Mal auf, oder vielleicht wird es auch nur zum ersten Mal in Worte gefasst, ich bin an diesem Abschiedsabend von fünf sehr netten Damen umgeben. Ich muss zugeben, dass ich mich dabei wohlfühle.

Das Gespräch kommt auf die Herbergen, klar, denn wir haben ja primär vier Bedürfnisse: Bett, Essen, Wasser, Füße. Kirstin erzählt von ihrer Umsiedlung und dem damit verbundenen Verlust von drei Euro, Lijgien gesteht, in der Gruselherberge zu nächtigen, ich biete eins der beiden freien Betten in meinem Dreibettzimmer an, auf Lijgiens verwirrten Blick hin kontere ich prompt, ich zöge dann zu Ineke, und ernte von der den entsprechenden Blick. Uns geht es einfach nur gut! Wir sind alle angekommen!

Hier der Start- und der Endpunkt der Etappe am 24. September von Arzúa/Centro, Albergue de Peregrinos de Arzúa nach Pedrouzo/Arca do Pino, Pensión Arca

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