Ohne Wecker bin ich schon um 7:00 Uhr wach. Das Frühstück habe ich erst für 8:00 Uhr angemeldet, also kann ich noch eine halbe Stunde lang dösen. Beim Frühstück wird mir von den drei Damen und der Wirtin Angst gemacht, dass heute in Prüm alle Quartiere belegt sein werden. Am Wochenende findet nämlich der Rheinland-Pfalz-Tag statt. Doch die Empfehlung, mich jetzt wegen einer Unterkunft ans Telefon zu hängen, schlage ich in den Wind. Es wird sich heute Abend schon etwas finden!
Der Aufstieg zur Marienstatue ist steil. Oben stehen Bänke und Tische und ich verweile zwei Augenblicke, um die Aussicht zu genießen. Die Marienstatue ist nach dem zweiten Weltkrieg errichtet worden aus Dankbarkeit dafür, dass Waxweiler im Krieg nicht zerstört wurde.
Dann geht es bis Lascheid entlang der wenig befahrenen Straße. Ein schöner schattiger Rastplatz im Ort lädt zu einer Pause ein. Ich trage seit Waxweiler sechs geschriebene Postkarten mit mir herum. Ein Briefkasten ist da, doch ich habe keine Briefmarken dabei. Also müssen die Karten bis Prüm warten. Bisher habe ich mich heute erst zweimal verlaufen. Ich habe es aber immer schnell gemerkt und bin zurück zur letzten Kreuzung gegangen, um mich zu orientieren.
In der Kirche von Schönecken finde ich wieder Ruhe vom Bergan-und-Bergab- Laufen. Auch hier ist ein schönes Bild von Kindern ausgestellt. Beim Hinausgehen aus dem Ort erwische ich einen sehr schönen Weg, der in die Schönecker Schweiz führt. Die grobe Richtung stimmt, also sehe ich großzügig darüber hinweg, keine Wegmarkierungen vom Jakobsweg zu finden. Die Landschaft ist traumhaft. An einem Wegweiser orientiere ich mich. Zwar ist keiner der Orte mehr auf dem Kartenausschnitt in meinem Führer, aber nach dem Stand der Sonne muss ich nach links gehen. Bald finde ich einen Wegweiser vom Maas-Rhein-Weg des Eifelvereins. Diesem folge ich, denn der Weg geht bestimmt durch Prüm. An „Meyers Ruh" finde ich wieder eine Jakobsmuschel und die Entfernungsangaben. Was ich in zwei Stunden gegangen bin, hätte auf dem direkten Weg nur 3,5 Kilometern entsprochen. Bis Prüm werden mir noch 14 Kilometer versprochen. Auf der nächsten Bank belohne ich mich erst einmal mit einer ausgiebigen Jause. Der Picknickbeutel bietet Wurst, Brötchen und Gummibärchen. Dann geht es weiter den schönen Waldweg entlang. In Rommersheim komme ich an einer Weggabelung wieder ins Grübeln. Nach einem kleinen Abstecher finde ich den richtigen Weg. Steil bergab geht es dann nach Prüm hinein. Gleich beim zweiten Hotel finde ich ein Zimmer, ganz zentral am Markt. Überall werden Stände und Buden aufgebaut. Auf dem Marktplatz steht eine riesige Bühne des SWR. Das Pflichtprogramm verschiebe ich auf nachher, jetzt werden erst einmal Briefmarken und neue Socken besorgt. Der Sockenkauf entwickelt sich zu einem ausführlichen Gespräch mit dem Chef des Hauses. Passend dazu habe ich das Hemd an, das ich bei meiner Pilgerfahrt im September hier erstanden habe. Eins wird mir zum Thema Socken und Blasen an meinen Füßen klar. Die Socken haben zwar einen großen Einfluss, doch die Achtsamkeit auf meine Füße ist mindestens ebenso wichtig. Ich sollte einfach bei jeder Pause meine Füße lüften, egal, was mein Umfeld davon hält. Jetzt ist es Aufgabe für die nächste Woche, meine Füße unter Belastung heilen zu lassen.
Ich erkunde schon einmal den Weg zum Pfarrbüro, wo ich morgen früh den Stempel abholen werde. In der Kirche ist Generalprobe für ein Konzert heute Abend zur Eröffnung des Rheinland-Pfalz-Tages. Trotzdem darf ich in das Gotteshaus und ich lausche den Melodien der Generalprobe, während ich die Kirche auf mich einwirken lasse.
Beim Abendessen denke ich über den Einfluss von Farben auf mich nach. Letzten September habe ich mein rotkariertes Hemd gegen ein grünkariertes hier in Prüm eingetauscht. Heute Abend bemerke ich erst spät, dass die Tisch- und Gardinendekoration in dominierendem Rot im Lokal auf mich aufwühlend einwirkt. Doch die Konzentration auf meinen grünen Kugelschreiber schafft einen beruhigenden Gegensatz. Ich erinnere mich, dass einmal bei der Ankunft auf dem Flughafen Köln/Bonn beim Gepäckband eine riesige rote Fläche für ein Kölsch warb. Ich konnte das kaum ertragen, doch ich musste ja immer nach meinem (grünen) Koffer schauen. Zwischendurch fand ich Ruhe für meine Augen an einem kleinen grünen Exit-Hinweisschild. Es gibt eben Tage, an denen ich besonders farbsensibel bin.
Auf jeden Fall bin ich zufrieden, dem Trubel des Festes entgangen zu sein. Manni meldet sich per SMS. Vielleicht kommt er für ein paar Etappen doch noch dazu. Ich bin in freudiger Spannung.

Joomla templates by a4joomla - Sponored by Siegelringschmiede René Rettberg.