Nach dem Frühstück mache ich meine Füße marschbereit. Meine Schuhe kommen mir heute eine halbe Nummer zu klein vor. Im Gemeindehaus direkt neben der Basilika bekomme ich schon zu dieser frühen Stunde einen Stempel in den Pilgerpass und darf mich in das Pilgerbuch eintragen. Den Weg aus Prüm hinaus finde ich gut. Das Land bekommt endlich den lang ersehnten Regen. In der Kirche St. Dionysius in Gondenbrett ein erstes Innehalten an diesem Tag. Der Weg ist gut markiert, nur einmal mache ich einen kleinen Abstecher. Zwar regnet es nicht viel und auch nicht durchgehend, doch dem nassen Gras widerstehen meine Schuhe nicht. Da kommt ein kurzes Stück Landstraße wie gerufen. In Ormont mache ich eine lange Pause und erhalte einen Stempel für meinen Pilgerpass. Die Kirche wird gerade renoviert. Eine Leiter versperrt den Eingang – schade. Kurz hinter dem Ort begegne ich zwei Pilgerinnen zu Pferde. Sie sind in Rheinbach gestartet. Sie sind auch nur vier Kilometer pro Stunde schnell, weil die Pferde zwischendurch fressen müssen. Wir tauschen Infos über Herbergen und den Weg aus. Einen guten Weg wünschen wir uns auf Deutsch, Französisch und Spanisch.
Am Nachmittag schaffe ich es wieder, vom rechten Weg abzukommen. Dank Karte und Erinnerung vom letzten September finde ich Kronenburg mit nur drei Kilometern Umweg. Oder sollte ich sagen: Der Camino hat mir weitere drei Kilometer Weg geschenkt? Die Quartiernachfrage klappt dann wieder auf Anhieb, die nette Dame erinnert sich an mich. Das Schlosshotel ist, wie gehabt, vornehm ohne rechten Hintergrund. Wie gestern mit dem Chef des Prümer Sockenladens spreche ich heute hier mit meiner Wirtin über die wirtschaftliche Zukunft der Eifelregion. Wanderer und Pilger könnten ein noch stärkerer Wirtschaftsfaktor werden. Fernwandern oder auch Pilgern als vorbeugende Therapie für das Burn-out-Syndrom, da würden sich die Sozialsysteme und die Krankenkassen mitfreuen.
Die Farbe Rot ist für mich heute wieder Thema, denn auch heute ist das Restaurant vorwiegend rot gestaltet. Mir tut das gar nicht gut, aber das nächste Restaurant ist zwanzig Minuten zu Fuß entfernt. Den roten Teppich, der vor der Tür liegt, habe ich erst auf den letzten Schritten betreten, als es nicht mehr anders ging. Ich träume von einem grün-roten Teppich, bei dem jeder sich die Seite aussuchen kann, auf der er sich wohlfühlt, die ihm guttut.
Nach dem Pflichtprogramm lasse ich mir im Schlosshotel das Abendessen kredenzen. Es schmeckt köstlich und ist für die Preisklasse angemessen übersichtlich. Am Nachbartisch bekomme ich ein Gespräch über das Fliegen mit. Ich stelle mich vor und bekomme auch den Flyer einer Flugschule. Erinnerungen an meine eigene Flugausbildung werden wach. Der restliche Abend ist dem Studium meiner Mitmenschen gewidmet. Das Gespräch mit dem Inhaber des Hauses dreht sich um die Fliegerei und das Pilgern. Wieder einmal erlebe ich, dass mein Büchlein, schreibbereit auf dem Tisch, die Leute verunsichert und höflich macht. Nur zu selten kann ich das genießen, denn leider schwappt zu oft diese Anspannung zu mir zurück. Bei der Bezahlung biegt sich meine goldene Kreditkarte, doch es ist Halbzeit meiner Pilgerfahrt, genug Grund zum Feiern.

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