Der letzte Morgen meiner Pilgerfahrt beginnt mit ungewohnt lautem Straßenlärm um 6:00 Uhr. Ich bin eben in der Stadt. Ich überlege, welchen Weg ich nach Hause gehen soll: den schönen, etwas längeren über Troisdorf oder den direkten über Siegburg. Im Pfarrbüro bekomme ich meinen Pilgerstempel. Ich gehe durch die Krypta in das Münster. Obwohl ich seit 1980 hier in der Nähe wohne, gestehe ich, heute zum ersten Mal das Münster zu besuchen. In der Krypta findet ein Gottesdienst statt. Ich sammle Kraft für die letzten Kilometer nach Hause.
Der Weg verläuft immer schön am Rhein entlang. Obwohl am Damm gearbeitet wird, finde ich einen kleinen Trampelpfad in Ufernähe. In Richtung Troisdorf suche ich vergeblich ein Schild. Ich sichere meine Entscheidung, welcher Weg es sein soll, durch häufiges Fragen ab. An der Siegfähre habe ich Glück, der Fährmann holt mich über und ich spare den langen und unschönen Umweg über die Brücke. Sogar das Restaurant „Siegfähre" ist geöffnet und so ist mein Glück über eine willkommene Pause perfekt. Bis Lohmar kenne ich den Weg auch ohne Markierungen gut. Bei Utes Lädchen hole ich mir meinen letzten Pilgerstempel für diese Pilgerfahrt. Dann belohne ich mich mit einem Eisbecher, bevor ich mich auf die letzten sechs Kilometer bis Wahlscheid aufmache. Friederike klopft mir auf die Schulter und bietet mir an, mich nach Wahlscheid mitzunehmen. Doch das Wetter ist herrlich und so fällt es leicht, das Angebot auszuschlagen. Eine Bank im Schatten lädt noch einmal zu einer Pause ein. Ein Apfel findet sich noch im Picknickbeutel. Um halb fünf bin ich beim „Aggerschlößchen" in Wahlscheid. Der Gang über die Holzbrücke in den Ort hinein und nach Hause darf noch warten. Im Biergarten genieße ich ein alkoholfreies Weizen und lasse den Tag, lasse die Pilgerfahrt noch einmal Revue passieren.
Sie hat mir einfach nur gutgetan. Die Ruhe, die Gedanken, das Wandern. Mal sehen, wie lange ich das Alltagsallerlei noch vor mir herschieben kann.
Ich komme zu Hause an. Bevor ich den Rucksack auspacke, wiege ich ihn erst einmal: 9,1 Kilogramm inklusive einem Dreiviertel Liter Wasser. Dann wiege ich den Poststoß, der sich angesammelt hat: 490 Gramm ohne Reklame. Doch die Post hat Zeit bis nachher. Noch mehr Zeit haben die genau 167 E-Mails, die mein PC mir nach dem Abendessen präsentiert. So komme ich Stück für Stück im Alltag an. Was war auf dem Weg besonders? - Das nichts besonders war, war das Besondere – auch wenn ich mich hierbei wiederhole. Doch etwas ist in der Post, was den Camino in mir wach hält: der Pilgerpass von der Jakobusgesellschaft in Trier für die geplante Pilgerfahrt mit Michelle auf der Via Francigena.

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