Um 5:00 Uhr habe ich zum ersten Mal den Drang aufzustehen. Ich kann ihn unterdrücken und noch eine Runde Schlaf drauflegen. Um 8:00 Uhr erwartet mich ein liebevolles Frühstück mit Wilfried. Klar darf ich mir auch heute meine Brote schmieren und bekomme Tee in die Flasche gefüllt. Beim Weg hinaus aus Waxweiler frage ich lieber dreimal nach und so verlaufe ich mich auch nicht. Die Sonne meint es wieder gut, der Weg ist abwechslungsreich und geht manchmal durch den kühlen Wald. Eine kleine Herde Kühe kommt mir entgegen und ich habe mit dem Bauern einen kleinen Plausch über die Milchpreise. Ich nehme mir vor, beim nächsten Einkauf von Milch an der Kasse zu fragen, ob ich zehn Cent mehr bezahlen darf.
Als ich in einem Vorgarten viele Jakobsmuscheln entdecke und sie fotografiere, kommt der Besitzer heraus und bietet mir Wasser an. Dankbar fülle ich meine Flasche mit Mineralwasser auf. Und einen Tipp bekomme ich auch noch: Wasser gibt's fast auf jedem Friedhof an den Wasserstellen dort. Die Diskussion, wie herum die Muscheln nun hängen sollen, können wir nicht abschließend klären: Sind die Strahlen der Muscheln die Wege, die alle in Santiago zusammenlaufen, oder ist es genau anders herum, dass die Strahlen nach Westen, nach Santiago strahlen. Ich nehme mir vor, zu Hause bei der Jakobsgesellschaft nachzufragen, denn hundertprozentig klar ist mir die Erklärung in meinem Führer leider auch nicht. Aber ich glaube, ich habe etwas dazugelernt. Zu Hause kann ich die Frage später abschließend klären: Die Strahlen der Muschel sind die Wege, die in Santiago zusammenlaufen.
Kurz vor Neuerburg holt Wilfried mich ein. Wir gehen gemeinsam zur Kirche und in ein Café am Markt. Hier trennen sich erst einmal unsere Wege, denn er hat ein Quartier im Ort vorgebucht und ich will noch bis Mettendorf weiter. Beide bekommen wir im Café unseren Weg beschrieben. Der analoge Routenplaner für Fußgänger funktioniert in diesem Café perfekt. Für mich geht es steil den Kreuzweg hoch zur Kreuzkapelle. Ich bin erstaunt, dass sie dreizehn Stationen hat. Ich treffe im Wald noch auf eine Gruppe von vier Damen, die dankbar einen Blick auf meine Karte im Jakobsführer machen. Hat es also doch einen Sinn, dass ich den mit mir herumschleppe? Ich muss fair sein: Die Wegbeschreibungen und die Karten nutze ich für mich selber auch. Bei den Sehenswürdigkeiten reichen mir die Informationstafeln vor Ort.
Drei Kilometer vor Mettendorf komme ich an einem nett aussehenden Hotel vorbei. Da ich die Wegmarkierungen sowieso nicht finden kann, akzeptiere ich die Entscheidung des Universums und bleibe hier. Mich erwartet das „Luxemburger Luxuszimmer mit Halbpension". Auf meinem Balkon gibt es eine Wäschestange, also ist heute große Wäsche angesagt. Meine Wanderhose hat es auch wirklich nötig. Der für mich reservierte und eingedeckte Tisch für das Abendessen steht etwas im Dunkeln. Als die Bedienung mein Schreibzeug sieht, empfiehlt sie mir umzuziehen und weist mir den Weg an einen heller beleuchteten Tisch. Das Drei-Gänge-Menü ist vorzüglich. Bei Cordon bleu muss ich an die Geschichte denken, als ich mit vieren meiner Kinder, damals noch klein, und Holger nach dem Skiurlaub in Laax am Bodensee vorbeifuhr und in einem vornehmen Restaurant in einem Wasserschlösschen vorsprach. Dezent wies uns der Ober darauf hin, dass es keine Pommes frites gäbe. Mit etwas Nachdruck wurden wir etwas widerwillig eingelassen. Als wir die Karte studierten, ertönte klar und deutlich das Kinderstimmchen von Lajos durch den Raum: „Cordon bleu haben sie hier auch nicht!" Stolz versank ich im Fußboden.
Draußen donnert es und ein Gewitter holt mich zurück ins Hier und Jetzt. Ich schieße in mein Zimmer und schaue nach meiner Wäsche auf dem Balkon. Gut, er ist überdacht!
Zeit für einen Abschnitt im „Peace"-Buch, denn Frieden habe ich heute hier wieder gefunden.
Dann sehe ich Blaulicht vor der Tür. Die Freiwillige Feuerwehr ist im Einsatz. Nur mit meinen Badeschlappen beschuht, erkunde ich selber den Grund nicht, werde dann von der Bedienung aufgeklärt: Ein Baum ist an der Brücke auf die Straße gefallen. Gerade rechtzeitig, um kostenloses Kino mitzubekommen, bin ich in den Schankraum umgezogen. Die Jungs der Freiwilligen Feuerwehr werden vom Haus eingeladen und großzügig versorgt.
Und ich habe sogar Muße, noch drei Postkarten zu schreiben und somit überfällige Grüße an Freunde zu senden. Briefmarken und auch die Info, was eine Karte nach Gran Canaria kostet, ist dann die Tagesaufgabe für morgen, neben den 22,1 km + 3 km (Rest von heute), die mein Führer mir für morgen bis Echternach verspricht.

Bilder der neunten Etappe meiner Pilgerfahrt auf der Via Coloniensis am 23. September: Waxweiler → Sinspelt in meinem Google Album https://goo.gl/photos/hdZkw3jJUwmsKDPE9

 

Hier der Start- und der Endpunkt der Etappe am 23. September: Waxweiler → Sinspelt.

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