Genau vor einem Jahr bin ich morgens um diese Zeit in Santiago eingelaufen. Heute habe ich trotz der vielen Menschen hier im Haus ein ruhiges Eckchen für mein ausgiebiges Frühstück gefunden. Noch vor dem nächsten Ort läuft Wilfried auf. Er hat in einer Pension in einem anderen Ortsteil von Welschbillig übernachtet, die in meinem Führer nicht verzeichnet ist. Gemeinsam gehen wir bis Butzweiler. Wir verlieren uns an der Kirche, denn mit Fotoapparat brauche ich überall länger. Im Ort ist ein Gasthof offen, und obwohl die Luft durch den Zigarettenqualm zum Schneiden ist, gönne ich mir ein alkoholfreies Weizen.
Im nächsten Ort mache ich eine Ehrenrunde. Im Wald stehe ich auf einmal auf einer Lichtung mit Hochstand. Gut, die Ehrenrunden dürfen sein. Herz und Lunge werden überprüft, als ich die Autobahn unterquere. Es geht heute schön bergab und bergauf. Dafür regnet es nur wenig. Als ich an der Mosel ankomme, geht es noch vier Kilometer an der Uferpromenade entlang. Gleich im ersten Hotel in Trier ist das letzte Doppelzimmer für mich zum Einzelzimmerpreis frei. Ich darf die Muskeln noch mal in Gang setzen, denn das Zimmer liegt im dritten Stock. Nach dem Pflichtprogramm gehe ich in die Stadt, wo heute verkaufsoffener Sonntag ist. Auf dem Marktplatz spielt eine Band. Ich genieße das Alternativprogramm zu den stillen Waldwegen des Tages in einem Café dicht daneben. Beim anschließenden Stadtrundgang im Nieselregen kann ich mir alles nur noch von außen ansehen, denn jetzt bin ich zu spät dran, selbst die Kaiserthermen sind schon geschlossen.
Auch heute sind meine Gedanken wieder um Pläne für zukünftige Projekte gekreist. Ich habe auch viele Fotos als Merkzettel für diese Projekte gemacht. Außer unsortierten Stichpunkten, die den Kopf frei machen, schreibe ich lieber nichts auf. Ich will mich nicht festlegen, will mich nicht an diese Pläne binden. Denn immer wieder wird mir bewusst, dass ich an sich nicht mehr arbeiten wollte. Doch es ist schön, die Gedanken spielen zu lassen, und vor allem genieße ich es, dass sie nicht in der Vergangenheit herumgraben. Vielleicht sehe ich deshalb Trier heute nur als Einkaufstadt und habe nicht die 2000-jährige Geschichte im Blick, die sowieso vor mir weggeschlossen worden ist.
Meine Pilgerfahrt ist diesmal geprägt von Gedanken darüber, was ich als Senior tun kann, damit es meiner Kinder- und Enkelkindergeneration gut geht. Meine Gedanken kreisen um PISA, denn es war ja früher einmal die Aufgabe der gebrechlichen, grauen weisen Frauen und Männer, ihr Wissen und ihre Weisheit an die nächsten Generationen weiterzugeben. Ich habe heute noch deutlich meine Urtante Grete im Harz zu DDR-Zeiten in Erinnerung. Gebrechlich wie sie war, war sie doch auf ihrem Stuhl im Hauseingang Anlaufstelle für jedermann - die gute alte Zeit der Großfamilie. Heute sind Familien oft über die ganze Welt verstreut. Doch der Gedanke, Patenopa zu werden, den ich von einem Plakat in Prüm abgeleitet habe, geht mir nicht mehr aus dem Sinn. Einsame ältere Menschen und wissensdurstige junge Menschen können zusammenfinden. Welchen Beitrag kann ich dazu leisten? Ich glaube, einmal nach Schengen zu laufen, reicht nicht, um dieses Thema abzuarbeiten. Der Weg über Bonn will ja auch noch gegangen sein. Denn das war die schwierigste Entscheidung vor dieser Pilgerfahrt: Gehe ich über Köln oder über Bonn? Ich habe mich für Köln entschieden und die Entscheidung war gut.

Bilder der zwölften Etappe meiner Pilgerfahrt auf der Via Coloniensis am 26. September: Welschbillig → Trier in meinem Google Album https://goo.gl/photos/UdBQBBRS9w6hkneP9

 

Hier der Start- und der Endpunkt der Etappe am 26. September: Welschbillig → Trier.

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