Die große Routine zeigt sich nach dem Weckruf. Schon um 6:20 Uhr ist alles fertig gepackt. Wir haben noch etwas Muße bis zum Frühstück. Das Wetter scheint uns heute auch einen akzeptablen Wandertag zu bescheren. In meinem Pilgerpass sind noch sechs Felder frei. Mal sehen, wie das heute Abend aussieht. Der Bus ist voll mit Schulkindern. Den obligatorischen Stadtrundgang in Cossonay von gestern Abend und den Gang in die Kirche holen wir jetzt nach. Einen Stempel bekommen wir in der Boulangerie. Kurz hinter dem Ort verpassen wir den Fußweg. Statt zurückzugehen und einen zweiten Anlauf zu nehmen, gehen wir eine Stunde an der stark befahrenen Straße entlang. Dann finden wir den Weg wieder. Es geht meist am Fluss La Venoge entlang durch Wald und Flur. Punkt 9:30 Uhr taucht ein Ort auf und zu unserer Freude ist ein Café geöffnet. Wir betrachten unsere Pilgerpässe und halten Rückschau. Damit der Pilgerpass voll wird, lasse ich mir auch hier einen Stempel geben. So schön die Schweiz ist, die Stempel, die ich bisher bekommen haben, sind es nicht. Dafür ist die Landschaft wieder einfach traumhaft. Es geht immer noch am Fluss entlang, jetzt durch ein Naturschutzgebiet. Wie soll es anders sein, der Fluss mündet in den Lac Léman und wir können jetzt fast immer an der Uferpromenade entlanggehen. Zwei Stunden sind es noch, so verspricht uns ein Schild. Wir haben einen großen Bogen gemacht, weil wir dem Fluss folgten, aber dafür ist das der schönste Weg in eine große Stadt, den ich bisher gegangen bin. Hier verläuft auch der Weg nach Santiago, wie wir den Wegweisern und einer Muschelkachel entnehmen können. Mit Blick auf den See sitzen wir auf der Terrasse eines Restaurants und lassen die Pilgerfahrt ausklingen. Schon in Lausanne, noch an der Uferpromenade, schaffen wir es, uns zu verlieren. Also ein Abschied ohne Adieu? Im Tourismusbüro informiere ich mich und bekomme einen Stadtplan. Auf die Metro habe ich keine Lust, also marschiere ich am Bahnhof vorbei zur Kathedrale. Es geht kräftig bergauf. In der Kathedrale erhalte ich den letzten Stempel für diese Pilgerfahrt und sogar einen schönen. Wie es der Zufall will, treffe ich Michelle in der Kirche. Also doch noch ein gebührlicher Abschied.
Bald bin ich zurück am Bahnhof und erstehe eine Fahrkarte nach Hause. In 25 Minuten geht mein Zug. Heute waren es 44.616 Schritte.
Ich habe viel gelernt auf dieser Pilgerfahrt. Es wird nicht die letzte gewesen sein. Und eins ist sicher: Ich wäre die Via ab Canterbury ohne Michelle nie gegangen. Es war kein einfacher Weg, doch wir waren trotz unserer Unterschiede ein gutes Team.

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