Der vorletzte Pilgertag auf dieser Pilgerfahrt bricht an. Die Nacht war unruhig. Es waren wohl Straßenbauarbeiten im Gange. Entsprechend missmutig machen wir uns zum Frühstück auf. Den Weg aus der Stadt hinaus haben wir gestern Abend eingeübt und das ist auch gut so, denn wir sind beide noch nicht so recht wach. Dann geht es auf schönen, gut ausgeschilderten Wegen durch Wald und Feld. Als wir in Romainmôtier ankommen, sind wir zufrieden, diesen Abstecher gemacht zu haben. Eine schöne Abtei können wir besichtigen. Wir sehen uns die Kirche an und halten inne. In einem Nebengebäude ist ein wunderbarer Salon de Thé. Ich komme mit einer Deutschen ins Gespräch, die vor einigen Jahren aus beruflichen Gründen hierhin gezogen ist. Ab und an ein paar deutsche Worte zu wechseln, ist immer ein kleines Fest für mich. In dem Klosterladen erstehe ich einen Schwung Postkarten. Auf den letzten Drücker werde ich wenigstens allen meinen Kindern eine Karte schicken. Die gelben Hinweisschilder verraten uns, dass wir noch ca. vier Stunden bis Cossonay unterwegs sein werden. Nach einem kurzen Abstecher finden wir den richtigen Weg, der zu unserer Verwirrung für den Viehtrieb abgesperrt ist. Es geht auf schmalen Pfaden durch ein Naturschutzgebiet. Um 14:00 Uhr kommen wir in den nächsten Ort und finden ein bezauberndes Café. So macht Pilgern Spaß. Ich mache eine der gerade gekauften Postkarten versandfertig. Jetzt geht es immer am Fluss entlang. Der macht einen riesigen Bogen, dem wir nunmehr im schwachen Regen folgen. In Cossonay angekommen, können wir uns nicht einigen, dem Hinweisschild zu einem Hotel zu folgen. „Viel zu weit weg", sagt Michelles iPhone. Also gehen wir zurück zum Stadtkern und trinken einen Kaffee in einer riesigen Bar. Der Barkeeper gibt uns als Hotelempfehlung genau das Hotel, das so furchtbar weit weg sein soll, an und malt uns sogar eine Skizze. Ein anderes Hotel gibt es in der Stadt nicht. Es ist schön, wieder so früh am Zielort zu sein, denn so können wir gleich noch einen ausgiebigen Stadtrundgang machen und die Kirchen besichtigen. Zu früh gefreut, als wir nach nur 300 bis 500 Metern beim Hotel ankommen, erfahren wir, dass vor drei Sekunden das letzte Zimmer vergeben wurde. „Und der Herr hat auch noch ein Auto", fügt der Hotelier hinzu. Der Herr an der Rezeption ist nett und sucht uns einen Gasthof ein paar Dörfer weiter heraus. Die vier Kilometer die Straße entlang ersparen wir uns heute und nehmen auf dringende Empfehlung des Empfangschefs für je drei Schweizer Franken den Bus, der fünf Minuten später an der nächsten Ecke abfährt. Abendessen gibt es um sieben Uhr, der Tag ist also gerettet. Jetzt müssen wir nur noch entscheiden, ob wir morgen früh um 7:28 Uhr oder eine Stunde später den Bus zurück nehmen. Michelle schafft es, die Küche zu überreden, Frühstück schon um 6:45 Uhr zuzubereiten. Die Dame, die uns bedient, hat vor kurzem bei sich zu Hause zwei Pilger aufgenommen, als dieser Gasthof Ruhetag hatte. Als ich einen Blick auf die Karte werfe, stelle ich fest, dass Gollion, so der Name des Ortes, in dem wir gelandet sind, genau in Richtung unserer morgigen Tour nach Lausanne liegt. Trotzdem bedauere ich es nicht, heute hier Bus gefahren zu sein und morgen so früh aufstehen zu müssen, um den Bus zurück zu nehmen. Für uns waren es heute 41.385 Schritte.

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