Wir brauchen nicht aus dem Fenster zu schauen, um festzustellen, dass es regnet, denn es donnert und blitzt. Also gehen wir in Ruhe zum Frühstück und warten das Unwetter ab. Auf der Karte habe ich einen Alternativweg gesehen, der den Schlenker zum Lac de Neuchâtel ausspart. Einerseits schade, aber 37,7 Kilometer bei dem Wetter sind sicher auch kein Vergnügen und in Lausanne haben wir ja dann auch einen schönen See. Damit wir auf Nummer sicher sind, wirft Michelle ihr iPhone an. Ich gehe schon mal zur Rezeption und lasse mir meinen auf der Karte gefundenen Weg bestätigen. Es regnet nur noch mäßig, als wir aufbrechen. Bald geht es durch den Wald steil bergab. Das sind wir gestern alles hochgestiegen. Gegen 11:00 Uhr finden wir eine Boulangerie mit zwei Tischen und der Kaffee kommt gerade zum richtigen Zeitpunkt. Wir haben in Sainte-Croix vergessen, Schweizer Franken zu beschaffen, doch wir können hier noch mit Euro bezahlen. Den Weg bekommen wir auch erklärt, das kleine Schild nach Baulmes hätten wir sonst sicher übersehen. Es verrät uns sogar, dass es nur fünfzig Minuten bis Baulmes sind. Wir kommen genau um 12:00 Uhr zum Mittagsläuten dort an und freuen uns, im einzigen Restaurant im Ort wieder etwas trocken werden zu können. Wenn schon nichts mehr für heute zu planen ist, so zählt Michelle wenigstens mal wieder die Kilometer zusammen, die wir ab Canterbury gegangen sind. Und so schaue auch ich im Guide-Book nach: heute Abend sind es 896 Kilometer. Michelle kommt auf 956 Kilometer. Das sind keine zehn Prozent mehr, kann also hinkommen, denn wir machen ja fast täglich kleine oder größere Schlenker. Auf jeden Fall sind wir heute erst 14.388 Schritte unterwegs. Unsere Abkürzung wird hoffentlich auch heute Nachmittag funktionieren. Bei der Tischwahl sind Michelle und ich uns uneinig. Ich will in ein Eckchen, wo nicht eingedeckt ist, und sie sucht sich den schönsten Tisch aus. Der Wirt versteht das als Bestellung für das Stammessen, bestärkt durch Michelles Bemerkung, dass sie Vegetarierin ist. Mir kommt das heute gelegen.
Irgendwann stehen wir auf einem Feldweg und ich habe das Gefühl, dass die Richtung nicht stimmt. Glücklicherweise kommt uns ein junger Mann mit großem Hund entgegen. Mein Französisch reicht aus, um das Problem zu schildern und unseren Zielort anzugeben. Auf dem letzten Schild stand etwas von 1,5 Stunden. Er zeigt uns auf meiner Karte, wo wir sind und wohin wir gerade gehen, und bietet an, uns bis Orbe zu geleiten. Er hat einen schnellen Schritt drauf. Uns hat heute das Universum wieder einen Via-Engel geschickt. Wer hat schon seinen persönlichen Führer durch die Weinberge vor Orbe. Als die Türme der Stadt in Sicht sind, verabschieden wir uns herzlich. In der Stadtmitte gibt es für uns ein Zimmer in einem für Schweizer Verhältnisse preiswerten Hotel. Die Abkürzung hat geklappt und auf Empfehlung der Dame im Tourismusbüro werden wir morgen der sehr guten Kennzeichnung der Via folgen und nicht unserem Führer. Heute haben wir schon erlebt, dass die Fußwege zwischen den Orten sehr gut gekennzeichnet sind. Es ist schön, wieder einmal früh in der Stadt zu sein. Wir haben Zeit für einen Stadtrundgang und genießen wunderbare Blicke auf die Berge. Die Sonne ist heute Nachmittag wieder hervorgekommen und verwöhnt uns. Wir finden eine internationale Bar in der Stadt. Der Barkeeper hat eine Weile in Florida gelebt - der Abend ist gerettet. Zum Abendessen landen wir in einem Schnellimbiss. Irgendwo muss gespart werden. Wir sind ja auf Pilgerfahrt. Zurück im Hotel planen wir mal wieder und das iPhone darf mitreden. Der Plan, dem markierten Weg zu folgen und nicht dem Führer, gewinnt. Ebenso bleibt es bei dem vor einer Woche gefassten Gedanken, die Etappe zu teilen. Diese Wegvariante ist insgesamt 16 Kilometer länger, verspricht aber, mit 26 bzw. 28 Kilometern pro Tag, gemütlich zu werden. Heute hatten wir ja quasi einen Ruhetag mit 23 Kilometern und, um es genau zu sagen, mit 32.901 Schritten.

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