Die Glocken der Kirche wecken uns um 6:00 Uhr. Es ist kalt und regnerisch. Michelles iPhone ist gestorben. Letztes Jahr auf der Via ist ihr Mobile Phone auch verendet. Der Rest des Weges wird auch ohne gehen. Mein gutes altes Teil tut es ja noch. Bei der nächsten geöffneten Mairie in Sombacour ziehe ich meine Regenhose aus. Genau die falsche Entscheidung! Als wir an der stark befahrenen Straße unsere Kilometer abspulen, fängt es an, aus Kübeln zu schütten. Mein Regenschirm verhindert Schlimmstes, der Rucksacküberzug baggert aber alles Wasser zu meiner Hose. Bald bin ich von der Hüfte abwärts völlig durchweicht. Kurz nach 11:00 Uhr erfahren wir in einer Mairie, dass wir nur noch drei Kilometer vor uns haben. Wir müssen an der Straße im Regen ganz schön gerannt sein. Das Pilgerglück ist perfekt, als linker Hand eine Boulangerie auftaucht, zu der ein kleines Café gehört. Der nächste Regenschauer darf ohne uns abregnen. Von drinnen sieht das Wetter schon viel besser aus. An einer Pharmacie sehen wir, dass es derzeit elf Grad sind. Nach einem kleinen Abenteuer mit einem stark angetrunkenen, aber freundlichen Mann sind wir im Zentrum von Pontarlier angekommen und nehmen uns gleich das erste Hotel, das uns in den Weg kommt. Drei Sterne sind das, was wir heute brauchen und uns auch gönnen können. Gut, dass ich alles in Plastiktüten verpackt habe, denn am Boden ist der Rucksack trotz Überzug auch von innen nass. Der Führer spricht von 18 Kilometern für den heutigen Tag, mein Schrittzahlmesser nur von 16,7. Gut, dann weiß ich in Zukunft, dass er etwas untertreibt, denn heute haben wir uns ausnahmsweise einmal nicht verlaufen. Auf jeden Fall waren es 23.888 Schritte.
Eine Stunde lang bewachen wir unsere Wäsche beim Trocknen. Der Haartrockner muss Überstunden machen, um meine Schuhe halbwegs zu trocknen. Dann machen wir uns auf in die Stadt. Der Herr im Telefonladen kann Michelles iPhone auch nicht wieder in Gang setzen und will es zu Apple einschicken. So lange wollen wir hier nicht verweilen. Dafür bekommen wir im Touristenbüro einen Stadtplan, schauen uns die schöne Kirche an und versuchen, in einem Outdoorladen für Michelle wasserdichte Schuhe zu bekommen. Leider passt keines der verfügbaren Paare. Da wir viel Zeit haben, schauen wir uns alle Menükarten der Restaurants an. Diese öffnen erst um 19:00 Uhr. Also gibt es erst noch einen Kaffee in einer Brasserie. Michelle geht vor zum Hotel, um ihren Mann irgendwie zu informieren, dass sie nicht mehr online ist. Wäre ich an ihrer Stelle, würde ich genauso handeln. Wie haben das die Pilger in früheren Zeiten nur gemacht? Der Herr im nächsten Telefonladen kennt die magische Tastenkombination. Michelles iPhone funktioniert wieder und sie ist ein anderer, viel glücklicherer Mensch. Heute werfen wir sogar den Fernseher an, denn der Wetterbericht interessiert uns. Morgen droht wohl kein Regen.
Das Restaurant, das wir uns am Nachmittag ausgesucht haben, ist wirklich so gut, wie wir es uns in unseren kühnsten Träumen erhofft haben. Das Tagespensum beträgt 31.843 Schritte.

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