Der Wecker klingelt erst, als wir schon wach sind. Das Frühstück im Hotel schenken wir uns, wir sind dafür wohl doch unpassend gekleidet, obwohl unsere Sachen jetzt dank der Handwäsche von gestern Abend sauber sind. Nur einmal habe ich es bisher auf meinen Pilgerfahrten erlebt, dass ein Hotel die Wäsche über Nacht für mich gewaschen und gebügelt hat. In Viana war das, der Ort wird mir ewig positiv in Erinnerung bleiben. Im Fahrstuhl werden wir von einem Herrn bestaunt, als ob wir von einem anderen Stern kämen. Und ist das nicht auch so?
Gegen 8:00 Uhr sitzen wir direkt neben dem Hôtel de Ville in einem Salon de Thé. Hier passen wir hin. Heute ist der große Tag für mein Guide-Book. Der erste Band, den Michelle mit hat, ist durchlaufen. Sie hat Fotokopien mitgebracht und diese jeden Abend als erledigt weggeworfen. Der Führer verspricht 3,7 Kilometer an der Uferpromenade entlang. Die ist derzeit eine Baustelle – schade. Doch die Dame, die uns gestern bei der Hotelsuche kurz vor Besançon geholfen hat, hatte uns gewarnt: Besançon soll eine Metro bekommen. Wie die Zufälle so spielen, war sie Deutschlehrerin, die Kommunikation also sehr einfach. In einem Café der Universität gibt´s schon bald die nächste Pause. Wir decken uns mit Obst ein und trinken einen weiteren Kaffee. Dann geht es zurück auf die Baustelle. Das Verlaufen für diesen Tag fängt schon hier an. Michelle stürmt voraus, hat aber weder den Führer, noch achtet sie auf die Via-Zeichen. Also fragen wir uns durch und finden den nächsten Ort, der im Führer steht. Nachdem wir einmal bei der Kirche und zweimal beim Bäcker waren, ist es halb eins und wir sitzen auf der Bank vor der Kirche und machen Lunchpause. Zwanzig Kilometer sind es etwa noch. Michelle verschwindet, um sich nach den Wegen zu erkundigen. Im Schatten auf der Bank ist es kühl und der Himmel ist strahlend blau. Eine Stunde später gibt es zur Belohnung, dass wir wieder die Wegbeschreibung des Führers unter den Füßen haben, einen Kaffee in einer Pizzeria. Michelles iPhone bekommt auch neuen Saft aus der Steckdose. Es hat in der letzten Stunde harte Arbeit leisten müssen. Die Bewohner des Ortes wollen uns in alle möglichen Richtungen schicken. Auch für diesen Abschnitt fehlt mir eine Karte. Das Schöne in den letzten Tagen ist, dass ich auch in solchen Situationen meinen utopischen Träumen nachgehen kann. Nur ganz selten kommen die Lasten der Vergangenheit für kurze Augenblicke ans Tageslicht. Selbst wenn Michelle wieder einmal per iPhone weltweit unterwegs ist oder ihrer Lieblingsbeschäftigung, die nächsten Tage umzuplanen, nachgeht, bleibe ich ruhig und fast gelassen. Es ist erst 14:00 Uhr und es warten noch 18,5 Kilometer auf uns. Unser Wunsch der letzten Tage, alle paar Kilometer ein Café zu finden, geht heute in Erfüllung. Um Viertel nach drei sitzen wir schon wieder im Schatten. 19 Kilometer haben wir schon hinter uns. Jetzt bleiben nur noch 14 Kilometer für heute. Irgendwann, es wird langsam dunkel, kommen wir an. Das Hotel ist voll belegt. Also bitten wir den Wirt, in dem anderen Hotel, das der Führer angibt, anzurufen. Er sagt etwas, was ich nicht verstehe, und beschreibt uns dann den Weg und wir machen uns auf, die drei Kilometer durch die Dunkelheit zu gehen. Angekommen stellen wir fest, dass es kein Hotel, sondern nur ein Restaurant ist, aber im Namen ein vielversprechendes „Auberge" hat. Das wollte der Wirt uns wohl sagen. Die beiden Damen im Restaurant sind sehr nett, die letzten Gäste sind gerade im Aufbruch. In französisch-englischem Kauderwelsch bitten wir die Chefin, uns telefonisch ein Hotel und ein Taxi dorthin zu besorgen. Leider ist kein Taxi aufzutreiben. Die zehn Kilometer durch die Nacht wollen uns die Damen nicht zumuten und so wird uns angeboten, dass die Bedienung uns auf ihrem Heimweg mitnimmt. Da nun das Bett geregelt ist, bestellen wir erst einmal in aller Ruhe eine Pizza. Es ist ja erst kurz nach neun. Mal sehen, welche Überraschungen der Tag noch bringt. Keine! Um 22:00 Uhr haben wir ein schönes Zimmer und begeben uns zur Ruhe. Morgen werden wir herausfinden, in welchem Ort wir gelandet sind. Ich bin zu müde, um den Stepcounter abzulesen. In der letzten Auberge waren es 37,8 Kilometer. Ab 8:57 Uhr hatte mein Fotoapparat heute Urlaub.

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